Ulli Wagner, „Ensemble“ Preisverleihung, 07.03.2013

Ulli Wagner, Vorsitzende des Saarländischen Journalisten Verbandes

Ulli Wagner, Vorsitzende des Saarländischen Journalisten Verbandes

„WIR“ – das ist ein magisches Wort: WIR kann einbeziehen oder ausgrenzen, WIR kann die offene Hand sein oder das geschlossene Visier, WIR kann Zukunft geben oder verweigern. Wir im Saarland, sagen wir so gerne – mich eingeschlossen – hier oben auf dem Halberg, aber auch da unten in der Gutenbergstraße. Wen meinem wir damit eigentlich, mit diesem WIR?

 

In den Medien und mit den Medien produzieren und verstärken wir Bilder. So, wie sie helfen können, Urteile zu bilden, können sie auch dazu beitragen, Vorurteile zu festigen: Strömen Zuwanderer nach Europa, oder wandern Menschen ein? Tragen Frauen muslimische Bademoden, oder findet ein „Burka-Schwimmen“ statt? Interessieren sich Migrantinnen nicht für Politik, oder interessieren sich die Parteien nicht für Migrantinnen? Vorurteilsfreie Berichterstattung wird es vermutlich nie geben – wer von uns ist schon vorurteilsfrei? Vorurteilsbewusste Berichterstattung wäre aber schon mal ein großer Schritt. Ein Anfang. Ein Bekenntnis: zum WIR.
Wir leben in einer  Gesellschaft, die immer vielfältiger wird, in der es immer mehr Interessen, Kulturen, Lebenswelten gibt. Können wir uns da noch erlauben, Berichterstattung nur aus Sicht der vermeintlichen Mehrheit zu organisieren. Gehört zu einer vielfältigen Gesellschaft nicht auch eine multiperspektivische Berichterstattung – und ist die somit nicht auch öffentliche Aufgabe der Medien?

Ist es nicht an der Zeit,

  • über die eigene Sichtweise, die eigene Sprache, die eigenen Bilder zu reflektieren
  • neue Wege für realistische und zugleich gerechtere Berichterstattung zu finden
  • Diversitykompetenz – also Kompetenz in der Vielfalt und Andersartigkeit der Individuen in unserer Gesellschaft – als Qualifikationsmerkmal zu erkennen. Auch im journalistischen Bereich!

Und ist es nicht an der Zeit, die Chancen der Vielfalt zu nutzen – auch für die Medien, für neue Projekte, neue Talente und auch ein neues Publikum, neue User – auf welchem Verbreitungs-Weg auch immer?
Ich denke ja. Und ich gehe noch weiter: Ich bin davon überzeugt: multiperspektivische Berichterstattung ist auch ein Gebot journalistischer Professionalität. Und sie ist unsere Chance für die Zukunft.

Kritik oder Rassismus? Islambild in deutschen Medien

IMG_9735-1

Dr. Sabine Schiffer, Institut für Medienverantwortung

„Ich persönlich kenne keinen Muslim. Das Bild, was ich von Muslimen habe, ist das Bild, das mir die Medien vermitteln.“ – diese Aussage trifft, laut Heiner Buchen, Pastoralreferent des Katholischen Dekanats, bei den meisten Teilnehmern des Projekts „Begegnung wagen: jüdisch-christlich-islamischer Dialog“ in Alt-Saarbrücken zu.

„Diese Feststellung hat uns dazu bewogen, uns mit diesem Thema näher zu beschäftigen und so haben wir einen Studientag „Islambild in deutschen Medien“ organisiert“, sagt Buchen, der auch Projektleiter ist. Das Projekt des interreligiösen Dialogs wird seit 2011 vom Dekanat Saarbrücken getragen und aus den Mitteln des Bundesförderprogramms „Toleranz fördern, Kompetenz stärken“ finanziert. Das Ziel ist, den Dialog der Religionen auf die Bürgerebene zu verlagern.

Bilde ich mir meine Meinung?

Für das Thema „Medien“ konnte Frau Dr. SabineIMG_9751 Schiffer vom Institut für Medienverantwortung aus Erlangen als Referentin gewonnen werden. Das Interesse war groß – über 20 Teilnehmern beschäftigten sich einen ganzen Samstag lang nicht nur mit der Mediendarstellung des Islam in Deutschland, sondern auch mit ihren eigenen Wahrnehmungen, Zweifeln und ihrem Wissensbedarf.

„Manchmal frage ich mich, ob meine Meinung wirklich die meine ist, oder ob ich sie einfach von den Medien übernommen habe“ beklagte eine Teilnehmerin ihre Selbstzweifel. Und genau das ist der Weg, auf den auch Dr. Schiffer am liebsten alle bringen möchte.

„Es ist schwer, sich als Medienkonsument zu distanzieren. Trotzdem muss man lernen, die Medien kritisch zu beobachten. Seit den 80er Jahren wird der Islam in Medien in gleichen Frames dargestellt – als rückschrittlich, frauenunterdrückerisch und antifreiheitlich. Vieles wird verallgemeinert; die Bilder von einer Moschee, einer bedeckten Frau oder betenden Menschen symbolisieren sowohl den Islam, als auch den Islamismus.“, erklärt Dr. Schiffer.

Islam als Vorwand

„Religionisierung“ nennt sie den Prozess in dem wir uns befinden. Alles bekommt einen religiösen Stempel, sei es der Afghanistankrieg oder die Integrationsdebatte in Deutschland. Auf diese Weise wird man, so Schiffer, von größeren Problemen abgelenkt. Am plausibelsten kann man dies am Beispiel des Frauenthemas zeigen. Frauenfeindlichkeit ist ein Weltproblem. Auch in Deutschland haben wir strukturelle Ungleichbehandlung der Männern und Frauen. Hierzulande erfahren 40 Prozent aller Frauen mindestens einmal im Leben körperliche oder sexuelle Gewalt. In dem Moment aber, in dem unser Blick nur auf die Frauen im Islam gelenkt wird, verlieren wir den Überblick über das Gesamtproblem und seiner Lösung. „So lange wir uns mit der Frage beschäftigen, ob jetzt die Scharia nach Deutschland kommt, fragen wir nicht, wer mit Saudis Geschäfte macht“, so Dr. Schiffer.

Und wie kommt man aus diesem Kreis heraus?

Nach der  Rassismus Theorie ist es ein Unterschied, ob man als Minderheit einen abgrenzenden Diskurs führt oder als Mehrheit. Rassismus ist Vorurteil plus Macht.

Nach Dr. Schiffer ist es ein weitverbreitetes Klischee, dass Rassismus in Deutschland nicht existiert.

Allein die Begriffe Israelkritik und Islamkritik, zum Beispiel, sind gleich problematisch: In beiden ist die Verallgemeinerung schon drin. Oft aus Unachtsamkeit und manchmal zu manipulativen Zwecken.

Kritik oder Rassismus?IMG_9764

„Jeder sollte lernen, Kritik von Rassismus zu unterscheiden. Klar gibt es bei Muslimen viele kritikwürdige Punkte. Wie woanders auch. Sie sollen auch kritisiert werden. Daraus aber eine Verallgemeinerung zu machen ist Rassismus!“, warnt Dr. Schiffer und rät den Dialogführenden: „Noch bevor man sich Gedanken über den Anderen macht, sollte man über sich selbst nachdenken und dann eine wohlwollende Begegnung suchen. Die bestehende Polarisierung kann man, auch ohne dass man sich für Religion interessiert, durch gemeinsames, zielgerichtetes Handeln durchbrechen. Und davon darf man sich durch Nichts abbringen lassen!

SaarKlar Berichte • Bilder • Meinungen