Großmufti und Goldfisch

Boris Dezulovic

Boris Dežulović, Star-Kolumnist der Jugo-Region

Von Boris Dežulović

Vor ein paar Tagen rief um mich zwei Uhr nachts mein Freund Kožo an, um mir einen Witz zu erzählen. So ist er, ruft in tiefster Nacht aus der Kneipe an, um einen Witz zu erzählen.

„Ein Großmufti (=islamischer Rechtsgelehrter und regionaler Amtsleiter) fing einen goldenen Fisch. Der bat ihn, wie in diesen Geschichten üblich, ihn loszulassen, dafür würde er ihm zwei Wünsche erfüllen. „Ich wünsche“, er sah sich vorsichtig um und flüsterte dem Fisch zu, „kein Großmufti mehr zu sein.“ „Kein Problem, nichts leichter als das“ sagte der Goldfisch und nahm den Koran aus seinen Händen. „Was?! Bin ich jetzt kein Großmufti mehr?“, rief er überrascht. „Nee“, erwiderte der kleine Fisch. „Und welcher ist dein zweiter Wunsch?“ „Mein zweiter Wunsch ist“ antwortete er kurzerhand, „dass ich einen Palast ganz aus Gold habe, teure Autos, schöne Frauen und massenhaft Geld, ohne irgendwas zu arbeiten!“ „Fuck!“ fluchte das Fischlein und gab ihm den Koran zurück. „Wieso veräppelst du mich?“

Der erzählte Witz ist gemäß Auslegungen der Wächter des Islams ein klassisches Beispiel der Islamophobie und damit eine passende Einführung in unsere heutige Predigt. Also Islamophobie. Sind die Witze über doppelmoralische Großmuftis und Imame wirklich islamophob? Die Wächter der politischen Korrektheit würden sagen, dass sie geradezu ein Musterbeispiel für Stereotype (=Klischee = Vorurteil) sind. Was ist aber, wenn der goldene Fisch nicht da ist? Sind die Sachen ohne den Goldfisch komischer? Wo nämlich hört der Witz auf und wo fängt dieses, wie sagt man, Stereotyp an?

Lasst uns zusammen die Zeitungen der letzten Tage durchstöbern. In der Predigt zum Opferfest vor ein paar Tagen hat sich ein Imam aus Jemen zum Problem der sexuellen Belästigung der Kinder in den Provinzgemeinden geäußert und eiskalt erklärt, dass Vergewaltigung für minderjährige Kinder weitaus kleinere Traumata darstellten, als die Scheidung der Eltern. Der jemenitische Imam hat zwar betont, dass es nicht gerade schön ist, wenn islamische Lehrer Kinder vergewaltigen. Gleichzeitig mahnte er auch an zu bedenken, dass diese Kinder zu Hause keine Liebe finden. Diese suchten sie dann bei ihren Lehrern und führten sie so in Versuchung. „Ein solches Kind ist verloren“, sagte der Imam, „und zieht dann auch andere Personen mithinein.“

Stunden des Googelns

Nur wenige Wochen zuvor schockte der Präsident des mehrheitlich muslimischen Indonesiens Susilo Yudhoyono die Welt, in dem er das elfjährige Mädchen, das von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde,  öffentlich für ihren Entschluss lobte, das dabei gezeugte Kind zu gebären. „Ich habe den Gesundheitsminister gebeten, sich persönlich um ihre Gesundheit zu kümmern“, sagte Präsident Yudhoyono und der Minister tat es: das Mädchen wurde nach der Geburt ohne Einwilligung seiner Eltern sterilisiert! Diese schockierende Geschichte aus Indonesien kam nur ein paar Tage nachdem ein Scheich aus Katar erklärt hat, dass es „ein schlimmeres Verbrechen als die Vergewaltigung der kleinen Mädchen durch ihre Religionslehrer, ist, wenn diese Mädchen danach abtreiben.“

Die Lage der Frauen in der islamischen Welt beleuchtet auch die Nachricht aus dem saudischen Al Bahaha, wo ein Religionslehrer in seiner Ramadan-Predigt die sexuelle Gewalt entschuldigt hat. Er fragte öffentlich: „Wie oft sehen wir junge Frauen, die in provokativer Kleidung rumspazieren? Sie wecken in den Männern die schlimmsten Instinkte, die am Ende in sexueller Gewalt resultieren. Sie selbst sollten tief in ihr Gewissen reinschauen und sich die Frage stellen: haben wir das nicht selbst gesucht?“, sagte er und versäumte nicht über die Frauen zu schimpfen „die ihre Häuser nicht putzen und ihren Männern kalte Speisen vorsetzen.“

Goldfisch Blubber aus der Plakataktion des Integrationsbeirats Saarbrücken /Agentur Maksimovic

Goldfisch Blubber aus der Plakataktion des Integrationsbeirats Saarbrücken /Agentur Maksimovic

Zielscheibe der rechtgläubigen Muslime sind aber nicht nur die einheimischen Frauen: kürzlich hat die Religionspolizei im iranischen Mashhad eine Fremde verhaftet, weil sie sich offenen Gesichtes auf der Straße zeigte; einer französischen Schwangeren erging es viel schlechter – sie verlor in Teheran ihr Baby, weil sie von einer Gruppe Männer verprügelt wurde, nur weil sie keinen Hijab (= Körperbedeckung für Frauen, regional unterschiedlich) trug.

Nur eine Sache ist in der islamischen Welt noch schlimmer, als eine Frau zu sein: eine Christin zu sein.

Die Regierung im Iran veröffentlichte neulich, dass „ein Al-Qaida-nahestehender Soldat“ verhaftet wurde, während er sich darauf vorbereitete, an Maria Himmelfahrt einen Anschlag auf die Katholiken in der Kathedrale der Mutter Gottes in Urmia, im Norden des Landes zu verüben.

Ein paar Wochen vorher haben die Machthaber in Ägypten ein hochstehendes Mitglied der „Muslimischen Brüder“ verhaftet, der in seinem Wagen dreitausend mit Benzin getränkte Bibeln hatte, um sie öffentlich zu verbrennen. Am gleichen Tag meldeten Medien, dass bei der Kommunalwahl im Süden der Türkei der Kandidat der radikalen islamischen Nationalfront gewonnen hat, der wegen seines Einsatzes für das Verbot der christlichen Gotteshäuser und seiner Aussage, dass christliche Prozessionen „Okkupation der Türkei“ sind, bekannt wurde.

Die Zielscheiben der islamischen Religionsführer sind natürlich nicht nur Christen. Ein Imam in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat neulich, anlässlich des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz, behauptet, dass „der Holocaust eine jüdische Lüge ist“ und ein anderer im Libanon, erschien aus dem gleichem Anlass zum Freitagsgebet mit einer Hakenkreuzarmbinde.

Und das alles nur in den letzten Monaten!

Reichen diese zufälligen Beispiele, nach nur einer halbe Stunde Googeln aus, um festzustellen, dass der Islam eine rückwärtsgewandte Religion ist? Oder, um die Frage umzuformulieren, wie viele Stunden des Googelns sind nötig, damit hunderte ähnliche Geschichten und Beispiele nicht als Stereotypen gesehen werden, sondern als ernste Argumente?

Wenn es sich, sagen wir, um Beispiele aus der westlichen Welt handeln würde, hätten die Muslime dann das Recht zu behaupten, dass der katholische Glauben rückwärtsgewandt und primitiv sei? Machen wir ein kleines Experiment: anstatt Imame und Scheichs, lassen wir sie Bischöfe und Priester sein und dann sehen, wie sich das Bild über den Katholizismus in die Vorstellungen der fortschrittlichen westlichen Welt einfügt. Können Sie sich beispielsweise vorstellen, dass sich zum Problem der sexuellen Gewalt an Kindern statt des jemenitischen Imams, ein europäischer Erzbischof geäußert und behauptet hat, dass eine Vergewaltigung für minderjährige Kinder weniger traumatisch sei als die Scheidung der Eltern? Sie werden überrascht sein: dieser Satz hat gerade der polnische Erzbischof Jozef Michalik gesagt.

Wie auch alle andere Sätze bisher, habe ich sie, aus Experimentzwecken, in den Mund islamischer Religionsführer gelegt. Der Reihe nach: das elfjährige Mädchen, das ohne Einwilligung der Eltern sterilisiert wurde, nachdem sie sich entschlossen hatte, das Kind zu gebären, das während der Vergewaltigung durch den Stiefvater gezeugt wurde, wurde öffentlich vom Präsidenten des katholischen Chile, Sebastian Pinera, gelobt, nachdem er den Gesundheitsminister gebeten hatte, sich um ihre Gesundheit zu kümmern; dass es „noch schlimmer als die Vergewaltigung der Mädchen durch ihre Religionslehrer ist, wenn diese Mädchen abtreiben“, sagte der mexikanische Erzbischof Fabio Martinez Castilla; und sexuelle Gewalt entschuldigte der italienische Priester Piero Corsi  aus San Terenzo mit den Worten, dass sich Frauen, die in Männern die schlimmste Instinkte wecken, selbst fragen sollten, ob sie das nicht selbst gesucht haben. Er schimpfte noch über die Frauen, die „ihren Männern kalte Speisen vorsetzen.“

Der Stereotyp ist der Teufel

Gehen wir weiter: die Unglückliche wurde nicht von der Polizei im iranischen Mashhad verhaftet, weil sie öffentlich mit offenem Gesicht spazierte, sondern von der französischen Polizei in Lavalle, weil ihr Gesicht – bedeckt war. Noch schlimmer ist es der Schwangeren, die ihr Baby verlor, ergangen: aus gleichem Grund wurde sie von tollwütigen Männern getreten – mitten in Paris.

Geht’s noch? Der Idiot, der die drei tausend heiligen Bücher verbrennen wollte ist klar, kein Mitglied der Muslimischen Brüder: die dreitausend Korane wollte der amerikanischer Pastor Terry Jones verbrennen. Die Kommunalwahl, bei der die Nationalfront gewonnen hat, war nicht in der Türkei, sondern in Frankreich: die Präsidentin dieser Partei, Marine Le Pen, hat muslimische Straßengebete mit einer „Okkupation Frankreichs“ verglichen. Aus dem gleichen Land ist auch der Typ, der vor hatte, am Tag des Opferfestes die überfüllte Moschee in Lyon während der Feier in die Luft zu sprengen.

Der Religionsführer der behauptet, dass der „Holocaust eine jüdische Lüge ist“, ist eigentlich der polnische Bischof Taeusz Pieronek, ehemals enger Mitarbeiter des Papstes Johannes Paul II., und der, der die Messen mit einem Hakenkreuz hält, ist der italienische Priester Angelo Idi aus Vigevana.

Und das alles nur in den letzten Monaten!

Letztlich, der Priester, der am Anfang den Goldfisch gefangen hat, war gar kein Großmufti, sondern ein Bischof.

Ich sage es euch, der Teufel ist der Stereotyp.

 

Der Schriftsteller, Kolumnist und Journalist Boris Dežulović wurde 1964 in Split geboren.  Bekannt wurde er als Mitbegründer der Satirewochenzeitung Feral Tribune, die im ganzen jugoslawischen Raum Kultstatus genießt. Dežulović ist  ständiger Kolumnist verschiedener Medien in Kroatien, Bosnien und Herzegowina und Serbien. Er veröffentlicht Romane und politisch-satirische Gedichte; in deutscher Übersetzung sind „Gedichte aus Lora“, Drava Verlag Klagenfurt und die Erzählung „Die Bakterie“ in der Anthologie Kein Gott in Susedgrad, Schöffling & Co. erschienen. Sein Sciencefiction Roman „Christkind“ über die Zeitreise und ethischen Dilemmas über die mögliche Ermordung Adolf Hitlers als  Baby wurde 2003 veröffentlicht. Seit 2005 lebt er in Belgrad.

Übersetzung: Sadija Kavgić-van Weert

Tatort Schwarz-Weiß

SchwarzweißZugegeben, der „Tatort“ ist nicht mein Lieblingskrimi. Zahlreiche Versuche meiner Freunde mich für den Tatort zu erwärmen sind bisher gescheitert. Unter großem öffentlichen Druck der allgegenwärtigen Werbung und Riesenplakate wurde ich bei „Melinda“ schwach und schaltete aus Neugier auf die ARD.

Schon beim ersten Anblick auf das dunkelhäutige Mädchen im Ethnolook ahnte ich, dass nun Stereotypen folgen. Dass es aber so schlimm werden würde, hat mich dann doch sehr überrascht. Die Welt im Saarland wurde schwarz-weiß gezeigt. Die Weißen sind die Guten, die Dunkelhäutigen die Kriminellen. Die Bösen haben keine Namen, sie kommen aus keinem Land, sie sind einfach Ausländer – eine dunkle Bedrohung. Sie benutzen ihre Konsulate für Drogengeschäfte. Dafür missbrauchen sie Kinder und verstecken sie zahlreich in einem getarnten Kinderheim hier im Saarland! Diese Ausländer sind nicht nur gewalttätig, sondern auch dämlich. Kaum eine Sekunde nachdem das süße Findelkind Melinda abgegeben wurde, ist hinter der Tür zu hören, wie man das Kind offenbar quält. Die Inkarnation des Bösen kulminiert in der Figur des Dolmetschers. Diese Augen! Gruuuselig! Der „Gargamel von der Saar“. Ich als Zuschauer hatte gleich Zweifel an seiner Aufrichtigkeit. Der Kommissar brauchte da leider etwas länger. Ein Glück dennoch, dass es die echten deutschen Kommissare gibt, die diese Machenschaften aufdecken und unsere heile Welt retten!

Schade, dass dabei die schöne Gulliver-Welt und einige gute schauspielerische Beiträge in solch einem unglaubwürdigen Rahmen verloren gehen.

Der Tatort „Melinda“ deprimiert – macht mich wütend! Bisher glaubte ich die Zeiten des schwarz-weiß-Fernsehens wären längst vorbei. Wer denkt sich denn so ein Drehbuch aus, wer billigt es beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Ist es keinem Verantwortlichen aufgefallen, dass diese Handlung darauf angelegt ist, Vorurteile zu bedienen? Dafür bezahlen wir sie doch!

Zum Glück ist die ganze Geschichte im „Saarort“ nur erfunden. Und ich stimme dem Rentner, Margot Müllers Gatten, zu, der gleich erkannt hatte was das Ganze ist: „Kokolores!“, sagte er cool und verpfiff alle bei der Polizei.

SaarKlar Berichte • Bilder • Meinungen