Straßenmusiker und Superstar?

„Senorita, Senora… ♫ ♪“  Laute Musik ist plötzlich von weitem zu hören! Viele Menschen bleiben stehen, einige holen Kleingeld raus. ♫ ♪  Wieder ist dieses fesselnde Gefühl da, eine Energie wahrzunehmen, der man nicht jeden Tag begegnet. Das Gefühl nicht weiter gehen zu können ohne die Quelle dieses unbändigen Rhythmus’ und der Stimmen zu erblicken. Dem folgt eine warme Welle der Begeisterung im Körper, die sich von den Füßen hocherhebt, im Bauch kulminiert und sich am Ende in den freudigen einzelnen Tränen entlädt. Tränen der Aufregung, Anerkennung und Verneigung vor so viel angeborenem Talent.

Viele andere bleiben auch stehen. Fragen mehren sich. Woher kommt die Gruppe?  Wie sieht ihr Weg aus? Wie lebt der Junge, der so begnadet ist? Und die Gedanken wandern zu Esma Redzepova. Esma ist die Königin der Roma-Musik, die Gypsy Queen. Esma hat schon als Neunjährige den größten Hit der Volksmusik „Chaje Shukarije“ (Titelsong im Film „Borat“) gedichtet und gesungen. Und sie hat mit ihrem Ehemann Stevo Teodosievski nach und nach 47 Straßen- und Waisenkinder adoptiert. Und allen eine musikalische Ausbildung ermöglicht!

Esma ist 1943 im Stadtzentrum von Skopje, Mazedonien, Jugoslawien geboren. Sie war das fünfte von sechs Kindern. Ihr Vater Ibrahim hat im selben Jahr während der Bombardierung Skopjes ein Bein verloren. Da er die Familie als Schuhputzer ernährt hat, musste immer eines der Kinder beim Tragen des Putzkastens behilflich sein. Esma stand oft auch für ältere Frauen in der Schlange für Milch an, verdiente sich Geld mit Treppen- und Fensterputzen. Das verdiente Geld gab sie oft für eine Kinokarte aus.

Als Grundschülerin war Esma rebellisch und ist niemandem etwas schuldig geblieben, der versucht hat, sie mit dem Ruf „Zigeunerin“ zu beleidigen. Sie hat eine wunderschöne Stimme, ein breites Lächeln und eine fröhliche Natur. Vater Ibrahim hat auch gesungen und Musikinstrumente gespielt. StraßenmusikerEsma liebte es, mit dem Vater und den Geschwistern gelegentlich zusammen zu singen. „Ihr werdet sehen, dass ich eines Tages die größte Sängerin werde“, rief sie wütend zurück, als die Geschwister sie wegen ihre manchmal überzogene Hingabe beim Singen auslachten. Sie war verliebt in die Musik und hat auch im Schultheater mitgemacht. Der Schulleiter erkannte ihr Talent und brachte sie, nach schwierigen Verhandlungen mit den Eltern, zum ersten Mal zu einem Radiowettbewerb. Den gewann sie und verdiente so ihr erstes Geld mit Musik. Im Alter von 11 Jahren veröffentlichte sie „Chaje Shukarije“ und innerhalb eines Jahres wurde sie in ganz Jugoslawien bekannt. Was sie nie vergessen wird, sind ihre Auftritte für Tito und andere Staatsmänner. Sie war die erste Romafrau, die so viel Erfolg hatte!

In ihrer Karriere hatte sie über 9.000 Konzerte in mehr als 30 Ländern der Welt und über 22.000 andere Auftritte, wovon 1/3 humanitären Zwecken dienten. Sie hat persönlich über 500 musikalische Werke geschaffen, darunter 108 Lieder, 20 Alben, 6 Filme.

Für den Friedensnobelpreis wurde sie seit 1987 mehrmals nominiert. Ihr Leben hat sie der Humanität, Menschenliebe und Güte gewidmet. Musik ist für ihr Leben unverzichtbar und so wichtig wie das Brot, das Wasser und die Sonne. In diesem Jahr wird sie mit dem jungem mazedonischen Popstar Vlatko Lozanoski ihr Land Mazedonien beim Eurovision Song Contest in Malmö, Schweden vertreten.

Wenn es nach ihr ginge, dann würden sich alle Menschen ungeachtet der Herkunft, Hautfarbe oder des Geschlechtes respektieren. Die Menschen, die mehr besitzen, sollten denjenigen helfen, die nichts haben, meint Esma und betont immer wieder: “Das wichtigste ist aber den Kindern zu helfen!“

Hoffentlich hat der Junge von der Bahnhofstraße auch jemand, der ihm hilft und sich um ihn und seine Zukunft kümmert! Siehe auch Video

Alles Theater ou quoi?

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Die Irokesen Charlotte Krenz, Pascale Noé-Adam, Mathias Varenne und Nicolas Marchand

„Die Irokesen“ ist ein Teilprojekt des „TOTAL THEATRE“. Es ist ein Schreibwettbewerb für Schülerinnen und Schüler aus der Großregion, der schon zum dritten Mal durchgeführt wird. Die ausgewählten Texte werden von professionellen Theatermachern auf die Bühne gebracht. „Der Abend davor“ wurde nun, nach der Premiere im Théâtre NEST in Thionville und Aufführungen im Théâtre National du Luxembourg, und dem Théâtre de la Place in Lüttich/Liège am 29. und 30. April in der sparte4 in Saarbrücken aufgeführt.

„La Veille – Der Abend davor“ war das vorgegebene Schreibthema. Der Tag, an dem sich alles ändern kann und alles möglich ist. Ausgewählt wurden fünf Stücke, alle von jungen Frauen geschrieben. Themen wie Homosexualität, verschmähte Liebe, Familie, verlassen oder ungeliebt sein wurden mit teilweise unglaublicher Härte angegangen. Aus dem Saarland haben sich Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 10 des Saarlouiser Gymnasiums am Stadtgarten beteiligt. Auf der Bühne aufgeführt und in einem Buch veröffentlicht wurde u.a. der Text von Kathrin Dewald aus Saarlouis.

Den Schreibprozess der Jugendlichen haben der luxemburgische Schriftsteller Ian de Toffoli und die junge belgische Regisseurin Tatjana Pessoa (geboren in Brüssel, erste Theatererfahrungen in Deutschland, Studium in West Afrika, Schauspieldiplom in Belgien) begleitet.

„…Erst wenn die Schüler zugeben, dass sie schon lange schreiben, dass sie sich nicht trauen ihre Texte ihren Freunden oder der Familie zu zeigen, die das ja sowieso zu komisch, zu persönlich, zu düster, oder einfach nur zu blöd finden … Erst dann fängt die eigentliche Arbeit im Schreibworkshop an! Vor allem lernen sie, dass die klassische Literatur, die die Schulbücher füllt, nicht eine Norm ist, von der jede Abweichung automatisch schlecht ist.“, berichtet Ian de Toffoli.

Ian de Toffoli (Vater Italiener, Mutter Luxemburgerin, Studium in Paris) hat seine ersten Romane in Paris geschrieben. Das Thema sind Nichtzugehörigkeit und Entwurzelung. Er schreibt auf Französisch. Für ihn eine Exilsprache. In seiner Biographie heißt es: „Da wir alle manchmal den Drang verspüren, dorthin zurückzukehren, von wo wir einst gekommen sind oder, wie manche Tiere es tun, den modrigen und doch angenehmen Geruch des eigenen Nestes wiederzufinden, versöhnt sich Ian de Toffoli nach und nach wieder mit Luxemburg.“

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Mit der jungen Autorin Kathrin Dewald

Die Darsteller waren Mathias Varenne aus Belgien, Charlotte Krenz aus Frankreich, Nicolas Marchand aus Deutschland und Pascale Noé-Adam aus Luxemburg. Sie alle wurden von ihren Arbeitgebern, den im Projekt beteiligten Theaterhäusern entsandt. Gespielt wurde zweisprachig, auf Deutsch und Französisch, mit jeweiliger, gut lesbarer „Untertitelung“.

– Meine Mutter ist Österreicherin und mein Vater Franzose aus der Normandie. Obwohl ich in Österreich aufgewachsen bin, haben wir zuhause immer nur französisch gesprochen. Wenn ich zu meinen Eltern etwas auf Deutsch gesagt habe, hieß es immer nur „Je ne comprends pas“. Damals hat mich das genervt. Heute bin ich dankbar“ erzählt Nicolas Marchand, Schauspieler am Saarländischen Staatstheater, der mit seinen blitzschnellen Verwandlungen auf der Bühne und fließendem Sprachenwechsel beeindruckte.

Was aber haben Irokesen mit jungen Europäern gemeinsam? Laut Jean Boillot, dem Initiator „Der Irokesen“ ist es die Freiheit und der Widerstand der die Beiden verbindet. Mit dieser Aufführung haben „Die Irokesen“ ihren Plan für das Jahr 2013 abgeschlossen. Ab September geht es dann wieder los für das nächste Jahr.

Grenzüberschreitendes Theaterensemble?

Unterdessen wird an dem Großprojekt TOTAL THEATRE weiter gearbeitet. Mit einem Ziel: Die Großregion, die von sprachlichen, kulturellen, institutionellen und geographischen Grenzen durchzogen ist, zu durchschreiten, erforschen,  gemeinsam zu gestalten und künstlerisch spürbar zu machen.

Unter Großregion Saar-Lor-Lux versteht man den grenzüberschreitenden Verbund von Luxemburg, Lothringen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, der Wallonie (mit den französichen und deutschsprachigen Gemeinschaften Belgiens.

Sechs Partner aus der Großregion beteiligen sich derzeit daran: das Saarländische Staatstheater in Saarbrücken, das Nationaltheater in Luxemburg, das Centre Dramatique National im lothringischen Thionville, die beiden ostbelgischen Kulturträger Agora und Chudosnik Sunergia und das “Théâtre de la Place” in Lüttich.

Neben „Den Irokesen“ gibt es noch weitere Teilprojekte. So können zum Beispiel junge Theaterschaffende an anderen Häusern in der Großregion unter professioneller Betreuung für ein bis zwei Wochen arbeiten und lernen. Geplant sind auch zwei internationale Gastaufführungen in der Großregion – für das nächste Jahr ist Russland als Gast vorgesehen. Und auch weitere zweisprachige Koproduktionen sind geplant.

„Langfristiges Ziel ist –so haben uns alle beteiligten Theater als Wunsch mitgeteilt – die  Schaffung eines grenzüberschreitenden Theaterensembles der Großregion, das auch möglichst zweisprachig auftreten kann. Daran muss noch viel gearbeitet werden, so müssen unterschiedliche Arbeitsweisen aneinander angepasst werden“ erzählt Projektleiterin Peggy Hamann, die selbst als Französin in Luxemburg arbeitet und in Saarbrücken lebt.

Niemand weiß in welcher Form dieses Ensemble entsteht. Aber die ganze Großregion ist darauf neugierig und begleitet den Prozess mit Applaus.

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