Chadi Bahouth: “Schweiger-Tatort” – ein multiethnischer Erfolg

Immigra 2012 (28)

Chadi Bahouth, Vorstand Neue deutsche Medienmacher

Veröffentlicht am 17.03.2013 bei           Neue deutsche Medienmacher:

“… Der Tatort mit Til Schweiger hat aber auch etwas ganz anderes gebracht. Nämlich den Sachverhalt, dass ein Kommissar mit türkischen Wurzeln sekundiert. Das Besondere daran: Es geschah völlig unaufgeregt. Es war die Normalität, die wir uns für Deutschland so sehr wünschen.
Und dabei ist es egal, ob dem einen das Schnalzen noch auf der Zunge liegt oder er dem anderen nur ein müdes Lächeln abringen konnte; das, was letzten Sonntagabend zu sehen war, war aus migrationspolitischer Sicht ein voller Erfolg!
Der neue Tatort hat einfach das, was den meisten anderen fehlt: Einen Ermittler, der aus einer ethnischer Minderheit stammt. Ausgerechnet die Münchner ziehen da gleich. Und was in den USA der Normalfall ist, denn da kämpfen Weiße, Schwarze, Latinos und Asiaten gemeinsam für das Gute, kommt bei den deutschen Kollegen in den Chef- und Entscheideretagen nicht so voran.
Von 20 Tatorten und 40 Ermittlern haben sage und schreibe ganze zwei (drei, den ehemaligen Hamburger Tatort mitgerechnet) “Migrationshintergrund”. Die anderen? Durch und durch an den Verhältnissen in der Bevölkerung vorbei. Und ja, in echten polizeilichen Dienststuben sind auch weitaus weniger Ermittler aus ethnischen Minderheiten vertreten als im Bevölkerungsdurchschnitt. Fernsehunterhaltung hat aber nicht die Aufgabe, dieses Missverhältnis widerzuspiegeln.
Immerhin, die Quote der migrantischen Tatortermittler liegt über der der Journalisten. Tatort-Schnüffler mit Wurzeln aus dem Ausland gibt es immerhin fünf (bis acht) Prozent. Journalisten mit ausländischen Wurzeln schaffen es in deutschen Redaktionsstuben auf gerade einmal auf zwei bis drei.
Zum Abschluss was Schönes: Was dem neuen Kommissar Yalcin Gümer nicht passiert ist, niemand hat ihm bestätigt: „Sie sprechen aber gut deutsch!” Es hat ihn auch niemand gefragt, woher er denn käme, geschweige denn, wann er wieder zurück zu gehen gedenke.
Grund, sich bei den Machern für einen Tatort zu bedanken, der mit ethnischen Minderheiten “normal” umgeht? Ja und nein. Nein, weil wir eigentlich dachten, wir seien schon so weit. Ja, weil wir genau diesen entspannten Umgang nötig haben.”

Ulli Wagner, “Ensemble” Preisverleihung, 07.03.2013

Ulli Wagner, Vorsitzende des Saarländischen Journalisten Verbandes

Ulli Wagner, Vorsitzende des Saarländischen Journalisten Verbandes

„WIR“ – das ist ein magisches Wort: WIR kann einbeziehen oder ausgrenzen, WIR kann die offene Hand sein oder das geschlossene Visier, WIR kann Zukunft geben oder verweigern. Wir im Saarland, sagen wir so gerne – mich eingeschlossen – hier oben auf dem Halberg, aber auch da unten in der Gutenbergstraße. Wen meinem wir damit eigentlich, mit diesem WIR?

 

In den Medien und mit den Medien produzieren und verstärken wir Bilder. So, wie sie helfen können, Urteile zu bilden, können sie auch dazu beitragen, Vorurteile zu festigen: Strömen Zuwanderer nach Europa, oder wandern Menschen ein? Tragen Frauen muslimische Bademoden, oder findet ein „Burka-Schwimmen“ statt? Interessieren sich Migrantinnen nicht für Politik, oder interessieren sich die Parteien nicht für Migrantinnen? Vorurteilsfreie Berichterstattung wird es vermutlich nie geben – wer von uns ist schon vorurteilsfrei? Vorurteilsbewusste Berichterstattung wäre aber schon mal ein großer Schritt. Ein Anfang. Ein Bekenntnis: zum WIR.
Wir leben in einer  Gesellschaft, die immer vielfältiger wird, in der es immer mehr Interessen, Kulturen, Lebenswelten gibt. Können wir uns da noch erlauben, Berichterstattung nur aus Sicht der vermeintlichen Mehrheit zu organisieren. Gehört zu einer vielfältigen Gesellschaft nicht auch eine multiperspektivische Berichterstattung – und ist die somit nicht auch öffentliche Aufgabe der Medien?

Ist es nicht an der Zeit,

  • über die eigene Sichtweise, die eigene Sprache, die eigenen Bilder zu reflektieren
  • neue Wege für realistische und zugleich gerechtere Berichterstattung zu finden
  • Diversitykompetenz – also Kompetenz in der Vielfalt und Andersartigkeit der Individuen in unserer Gesellschaft – als Qualifikationsmerkmal zu erkennen. Auch im journalistischen Bereich!

Und ist es nicht an der Zeit, die Chancen der Vielfalt zu nutzen – auch für die Medien, für neue Projekte, neue Talente und auch ein neues Publikum, neue User – auf welchem Verbreitungs-Weg auch immer?
Ich denke ja. Und ich gehe noch weiter: Ich bin davon überzeugt: multiperspektivische Berichterstattung ist auch ein Gebot journalistischer Professionalität. Und sie ist unsere Chance für die Zukunft.

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