Archives for März 2015

WIR, DIE und der Pressekodex

Es ist schwer zu sagen, wann es angefangen hat, sicher ist nur, dass es immer intensiver wird. Die Angst! Jedes Mal, wenn ich Negativnachrichten mitbekomme, warte ich gespannt darauf zu hören, wer die Täter sind: schon wieder DIE? DIE, das sind Alle, die nicht zum WIR gehören: Balkan-Banden, Bulgaren, Rumänen, Roma, Albaner, Serben, Islamisten, Muslime, Migranten, Ausländer… DIE, das sind alle die, die extra erwähnt werden, wenn vermutet wird, dass sie an einem Unglück oder derartigem schuldig sind.
Auch ich fühle mich gemeint, wenn von DENEN geredet wird. So lese ich manchmal einen Artikel mehrere Male, um sicher zu sein, diese Erwähnung nicht übersehen zu haben.IMG_7290
Vor etwa einem Jahr, als ein Mann seine Eltern in Saarbrücken mit der Axt erschlagen hat, habe ich lange gezittert. Doch der Mörder blieb undefiniert.
Neulich erschoss ein Mann bei vollem Praxisbetrieb eine Ärztin in Dudweiler. Schon wieder nix!
Aber als an einem frühen Märzmorgen 2015 jemand in der Lebacher Region 15 fahrende Autos angeschossen hat, war ich schon sicher, dass DIE es waren. Doch Fehlanzeige.

Dann kam der Absturz der German-Wings-Maschine: 150 Tote!
Aber auch hier wird sehr schnell gewiss, dass der Täter nicht einer von DENEN ist. Es wurde zwar für kurze Zeit nach seiner Religion gefragt, als könnte sie eine Erklärung für seine Tat liefern. War aber nichts.
Nun war ich vorübergehend erleichtert, dass DIE nicht für alles Übel verantwortlich sind. Dann fiel mir ein: Es wäre doch möglich, dass manche Täter doch DIE waren und unsere Zeitung verzichtet hat, dies hervorzuheben?
Beim Lesen der Kolumne des Chefredakteurs der Saarbrücker Zeitung, Peter Stefan Herbst, in der letzten März-Wochenendausgabe bekräftigte sich diese Vermutung für kurze Zeit. So schreibt er über den Umgang mit den Fotos und Informationen bei der German-Wings-Berichterstattung: „Wo Wissen über Identität und Aussehen nicht zur Aufklärung des Sachverhalts beiträgt, halten wir uns zurück… Wir orientieren uns dabei an den Richtlinien des Deutschen Presserates.“
Ich dachte: „Nanu, super!“IMG_8452

Doch nur ein paar Seiten weiter findet sich dann dieser Bericht: „Beamte der Sonderermittlungsgruppe ‚Gewalt‘ überwältigten den gebürtigen Franzosen und seinen Komplizen, einen 39 Jahre alten Bosnier…“. Insgesamt dreimal wird hier der „Bosnier“ erwähnt. (Fall 1)

Dabei empfiehlt der Pressekodex, die ethnische Zugehörigkeit bei Straftaten nur dann zu erwähnen, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.
In diesem Fall scheint mir das genauso unbegründet wie im Juni 2014, als in der Saarbrücker Zeitung diese Nachricht (Fall 2) abgedruckt wurde:
Rumänen schieben Auto über A 620
Völklingen.
Vier Rumänen haben gestern auf der A 620 bei Völklingen versucht, ihr liegengebliebenes Auto zur Ausfahrt zu schieben. Das teilte die Polizei mit. Das Auto war wohl wegen Spritmangels liegengeblieben, deshalb hätten die alkoholisierten Insassen zur Selbsthilfe gegriffen….“
Witzig, gell?
Doch damit war meine Enttäuschung an diesem Samstag (28.03.2015) nicht zu Ende: Die Leserbriefe widmen sich mehrheitlich dem Thema Griechenlands Schulden. Und da lese ich (Fall 3):
Trojanisches Pferd wiehert heute noch
Vor 2800 Jahren entstand bei den alten Griechen das Epos Ilias, das dem Dichter Homer zugeordnet wird. In diesem Werk wird der Krieg um Troja besungen. Zu dem bekannten „Trojanischen Pferd“ wusste Homer zu sagen: Fürchtet die Danaer (also Griechen), auch wenn sie Geschenke bringen. Homer ist heute nicht vergessen, man sollte sich auch an sein obiges Zitat erinnern. Wolfgang Mayer, Kleinblittersdorf.”
Dass ein Schlau-Mayer so einen Leserbrief schreibt, kann schon mal vorkommen. Aber dass eine Zeitung einen solchen Brief unkommentiert veröffentlicht, ist eine andere Dimension.
Mir ist nicht mehr nach Lesen, doch in letzter Sekunde fällt mein Auge noch auf diese Überschrift (Fall 4):
Akropolis adieu ist für mich die Lösung
Diese beiden linken griechischen Tavernenkellner, Finanzminister Varoufakis und sein Ministerpräsident Tsipras, die vor der EU betont die Coolen, Lässigen und Unpünktlichen (also Unerzogenen) geben und Hunderte Milliarden Schulden ihres Pleitestaates bei der EU (und vor allem bei Deutschland) nicht zahlen wollen, die aber jetzt sogar von „deutscher Wiedergutmachung für den Zweiten Weltkrieg“ plappern, sollten sich zurückhalten und die letzte Chance nutzen, Bescheidenheit, Dankbarkeit und Abbitte zu üben. Diese Platzpatronen werden sehr bald keine Schlipse mehr tragen, weil sie sich keine mehr leisten können. Akropolis, adieu. Micha Schneider, Saarbrücken”

IMG_8178Und diese Zeilen sollen der Deutschen Presseethik entsprechen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Und ich will die Antwort wissen! Deshalb habe ich beschlossen, den Presserat direkt zu fragen. Der sorgt dafür, dass der Pressekodex eingehalten wird. Der Pressekodex ist „das ethische Regelwerk für die journalistische Arbeit. Es enthält klare Spielregeln hinsichtlich einer verantwortungsvollen Berichterstattung und eines angemessenen journalistischen Verhaltens. Hierzu gehören vor allem die Regeln zur Achtung der Wahrheit, zur Sorgfaltspflicht bei der Recherche sowie zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte“, heißt es auf der Webseite des Deutschen Presserates.
Und weiter in der Präambel des Pressekodex: „Die Berufsethik räumt jedem das Recht ein, sich über die Presse zu beschweren. Beschwerden sind begründet, wenn die Berufsethik verletzt wird.“ Meiner Meinung nach liegen in vorher genannten Fällen folgende Verletzungen des Pressekodex vor:
Ziffer 1 – Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde (Fall 2, Fall 3, Fall 4)
Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.
Ziffer 2 – Sorgfalt (Fall 3, Fall 4)
Richtlinie 2.6 – Leserbriefe
(1) Bei der Veröffentlichung von Leserbriefen sind die Publizistischen Grundsätze zu beachten.
Ziffer 9 – Schutz der Ehre (Fall 2, Fall 3, Fall 4)
Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.
Ziffer 12 – Diskriminierungen (Fall 1, Fall 2, Fall 3, Fall 4)
Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.
Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten (Fall 1, Fall 2)
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.
Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

IMG_7834Gerade heute, wenn überall der Verfall der Presseethik beklagt wird und in großen Teilen der Welt nur noch mit Waffen gesprochen wird, haben WIR ALLE die Aufgabe, auf die Wortwahl zu achten. Vorurteile zu stärken, Menschen zu erniedrigen und zu beleidigen, gehört sich nicht. Und solche Texte, auch wenn sie noch so klein sind und „harmlos“ erscheinen, gehören nicht veröffentlicht zwischen den Texten der gewissenhaften Journalisten. Weg damit!

Sorgen der Kulturszene

Wird Saarbrücken ohne Kulturdezernenten bleiben? Nein, sagt der Fraktionsvorsitzende der SPD Peter Bauer. Aber eine Dezernentenstelle wird ab August, wenn der Vertrag des jetzigen Kulturdezernenten ausläuft, wegfallen. Warum? Weil die Stadt sparen muss. Diese Aussage hat bei vielen Kulturschaffenden und Künstlern einen Schock ausgelöst. Aber, wieso eigentlich?

Diskussion zum Thema Saarbrücker Kulturdezernent mit Katharina Bihler, Martin Busche, Peter Bauer und Oliver Strauch

Diskussion zum Thema Saarbrücker Kulturdezernent mit Katharina Bihler, Martin Busche, Peter Bauer und Oliver Strauch

 

Im letzten Jahr ist der Dezernent für Umwelt, Ordnungsdienste und Migration Kajo Breuer in die Altersrente gegangen. Damals gab es einen großen öffentlichen Druck gegen die Neubesetzung der Stelle. Aus „Spargründen“. Die mehrheitliche Koalition (SPD, Linke und Grüne) berief einvernehmlich den Grünen Thomas Brück zum Dezernenten. Damit wurde die „Einsparung“ einer Dezernentenstelle um 1 Jahr hinausgezögert. Also tat die Koalition genau das, was ihr jetzt als „keine Voraussicht, keine Planung“ zum Teil vorgeworfen wird. Sie plante voraus! Wer die geltende Praxis in der Politik verfolgt, wird von diesem Vorgang nicht überrascht sein.

Dennoch, als die Koalition jetzt ihr Vorhaben, die Stelle des Kulturdezernenten nicht neubesetzen zu wollen, veröffentlichte, waren viele überrascht. Bei einigen ist die Empörung groß: „Wie wird Saarbrücken ohne Kulturdezernenten? Das ist ein schlechtes Signal für eine Stadt, die es nötig hat, mit guten Kulturveranstaltungen und guten Klima für Kulturschaffende zu werben“ und „Saarbrücken hat das in den letzten Jahren, dank eines guten Kulturdezernenten prima hingekriegt. Jetzt soll das alles so leichtsinnig verspielt werden!“, heißt es.
Der Aufstand begann. Einige führende Saarbrücker Künstler und Kulturschaffende wollen das nicht wortlos hinnehmen. Eine Facebook-Gruppe namens „OK!! – Kulturdezernat Saarbrücken muss bleiben“ wurde gegründet. An der Spitze der Schlagzeuger und Professor an der Musikhochschule in Saarbrücken Oliver Strauch. Die Gruppe erfährt Zuspruch von einigen Künstlern und Kulturschaffenden. Die Oppositionsparteien bieten Unterstützung, Gesprächsrunden finden statt. Doch was genau soll erreicht werden? Soll Erik Schrader weiterhin als Dezernent beschäftigt werden und alles so bleiben wie es ist?

Muss er angesichts seiner NS-Vergangenheit so geehrt werden?

Muss er angesichts seiner NS-Vergangenheit so geehrt werden?

Mut, die teils skandalösen Vorgänge, die in unserem Alltag vorkommen, zu kritisieren kommt im Saarland nicht oft vor. Eine Dezernentenstelle einzusparen zählt allerdings nicht dazu. Es gibt viele Themen, bei denen ich mir eine offene Diskussion wünsche. Schrader selbst zum Beispiel rügte offen die Saarbrücker Zeitung für ihre Praxis menschenfeindliche Leserbriefe kommentarlos zu veröffentlichen. Doch nicht nur die Saarbrücker Zeitung liefert von Zeit zu Zeit Anlass zu Kritik. Ohne erkennbaren Widerspruch aus der Kulturszene wird in diesem Land der zweifache Kriegsverbrecher Röchling geehrt. Ist es angebracht den langjährigen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder angesichts seiner NS-Vergangenheit mit Straßenbennenungen zu ehren? Das schädigt das Ansehen des Saarlandes mehr als wenn Saarbrücken keinen Kulturdezernenten haben würde. Und ist ein wichtiger Grund um, wenn man die freie Wahl hat, hier nicht einzuwandern. Im Übrigen erzählt niemand den so begehrten ausländischen Facharbeitern, dass die allgemeinen Bürgerrechte hierzulande für sie teilweise nicht gelten und dass sie, wenn sie keine EU Einwanderer sind, Zeit ihres Lebens von allen Ebenen der politischen Teilhabe ausgeschlossen bleiben.

Mindestens 56.000 Saarbrücker Bürger (30 % der Gesamtbevölkerung) haben heute einen Migrationshintergrund. Im letzten Stadtrat waren sie mit 0 % vertreten. Allein die Grünen (+1 Piraten) haben es bei der Wahl 2014 verstanden eine junge Frau kurdischer Herkunft als Stadträtin zu vereidigen. Ein langjähriges, dunkelhäutiges Mitglied der CDU wurde dagegen in der Öffentlichkeit deswegen vorgeführt, weil er erwartet hat, dass seinem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft innerhalb von sechs Monaten zugestimmt wird. Als würde es sich dabei um etwas Ungewöhnliches und Unmögliches handeln. Kurz vor der Kommunalwahl 2014 wurde dann seine Kandidatur „einvernehmlich“ beendet. Sowieso glaubt ein saarländischer Beamter auch dann Richtiges zu tun, wenn er einem türkischen Arbeiter, der in der Burbacher Hütte seine Rente verdient hat, die deutsche Staatsbürgerschaft verweigert, weil er ihm unterstellt noch mit 70 Deutsch auf B1 Niveau lernen zu können.

Warum mussten im Saarland 70 Jahre vergehen bis ein zentraler Gedenkort für die aus dem Land vertriebenen und ermordeten jüdischen Saarländer errichtet wurde? Alle 26 saarländischen Synagogen waren zerstört und nur 1 neu aufgebaut! Das im November 2013 auf Initiative der Jüdischen Gemeinde Saar eingeweihte Denkmal am Rabbiner Rülf Platz ist bis heute noch ohne eine Gedenktafel!

Die Redner bei der Aufführung von „Senghor“ im Haus der Ärzte in Saarbrücken

Die Redner bei der Aufführung von „Senghor“ im Haus der Ärzte in Saarbrücken

Ich finde es gut zum Beispiel, wenn die Künstlergruppe „Die Redner“ ein filmisch/musikalisches Projekt dem senegalesischen Dichter und Politiker Senghor widmet. Oft aber, habe ich das Gefühl, dass insgesamt die Themen, die aufgegriffen werden nicht wirklich das hier und jetzt mitnehmen. Wie bekämpfen wir zum Beispiel Rassismus gegenüber den Roma?
Das Thema der Kruzifixe im saarländischen Landtag, den Gerichtssälen und anderen öffentlichen Räumen wird auch kaum angesprochen. Natürlich geht es dabei um viel mehr, als nur um Privatanliegen eines Einzelnen… Das sind Themen, die eine zivilisatorische Bedeutung haben, im Saarland aber eher gemieden werden! Politische Verantwortung für verfehlte Investitionen – ein Fremdwort.

Viele Kulturschaffende und Künstler sind finanziell von den Zuschüssen aus den öffentlichen Haushalten abhängig. Heute entscheiden die Einen, morgen die Anderen. Diese Abhängigkeit fordert politisches Wohlverhalten gegenüber den Förderern. Begrenzte Mittel führen zum Konkurrenzkampf. Und die „gute Presse“ braucht auch Jede(r) mal.

Aber was sind Kunst und Kultur ohne Mut und Grenzüberschreitungen wert? Wie können sie Politik beeinflussen, wenn sie sich der politischen Aussage verweigern und ihren Einfluss nicht dafür einsetzen, die gängigen Denk- und Handelsmuster zu verändern! Es ist zu wenig einen Kulturdezernenten zu fordern – Veränderungen, die zu mehr Zivilcourage führen sind vonnöten!

So könnte der jetzige „Aufstand“ der Kulturschaffenden für die ganze Gesellschaft was Gutes bringen. Dann nämlich, wenn er nicht zu einer Bewegung gegen Brück, Latz oder Schindel verkommt. Sondern, wenn er die Inhalte anspricht. Das würde vielen Menschen Mut machen! Und in dem demografisch schrumpfenden Saarland den Glauben erwecken, dass gemeinsam doch einiges mehr erreicht werden kann.

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