Die Röchlings und die ZwangsarbeiterInnen

Vor heute genau 76 Jahren, am Montag den 23. März 1942, erreichte ein Güterzug die saarländische Stadt Völklingen. Seit drei Jahren tobte der von Deutschland entfesselte Krieg und hatte bereits unzählige Menschenleben gefordert. Aus allen von Deutschland besetzten Ländern wurden Millionen Menschen nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt.

Der Zug, der an diesem Montag kommt, bringt russische Gefangene. Fortan werden sie die Schilder OST tragen. Um ihnen die Röchling’sche Disziplin beizubringen richtet der damals 70-jährige Hermann Röchling im Frühjahr 1943 ein Schnellgericht und betriebseigenes Straflager ein. Rund 12.300 Menschen versklavte er, geschätzte 250 kamen ums Leben. Carlo Barbieri starb im Alter von 27, Jean Kerwalczik aus Polen wurde 25, Kristo Petrovic aus Albanien starb mit 18,  genauso wie Nina Kolos aus der Ukraine und Anna Julobewa. Wo Anna geboren wurde, ist nicht mal bekannt. Über Olga Nowak wissen wir auch nichts. Außer, dass sie mit 20 starb. Wladimir Romanow wurde nur 12 Jahre alt… Dann die vielen Babys, die bei schwersten Lebensbedingungen keine Chance hatten. „Von Mißhandlungen durch das Wachpersonal (Schlagen mit der Reitpeitsche, Loslassen der Schäferhunde) und Vergewaltigungen weiblicher Gefangener“ wurde berichtet.

1949 wurde Herman Röchling für seine Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt. Seit Ende der 1970er Jahre gehört die Hütte dem Saarland. 1994 wurde sie zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Weder die Familie Röchling noch irgendeine Landesregierung hielt es für notwendig, die Geschichte der Hütte kritisch aufzuarbeiten und an die Arbeiter, verfolgten Gewerkschaftler, Antifaschisten und die Zwangsarbeiter zu erinnern. Die Hütte ist zu einem Event-Ort geworden, der mit glanzvollen Ausstellungen der Inka, Buddha und Ägyptischen Kultur oder Popfestivals und Ähnlichem um die Besucher wirbt. Man schreckte sogar nicht davor zurück, Schädel von ermordeten Namibiern, die in einer „rassenkundlichen“ Sammlung aufbewahrt wurden, einem neugierigen Publikum ohne jeden Kommentar als künstlerisch wertvolle Artefakte zu präsentieren. Diese Ausstellung wurde vom Saarland, Saar-Sporttoto und der Röchling Stiftung gefördert. Die saarländische Landesregierung fand es angemessen, im Jahr 2016 den Bundespräsidenten Gauck mit einem internationalen Diplomatenchor vor dieser Kulisse zu empfangen.

Meinrad Maria Grewenig, Ritter des Ordens des Heiligen Grabes zu Jerusalem, ist seit 1999 Direktor des Weltkulturerbes und erfolgreich dabei, die Hütte in ein Denkmal der Familiengeschichte der Röchlings zu verwandeln. 2012 wehrte er sich gegen die Umbenennung des Völklinger Stadtteils Hermann-Röchling-Höhe in Bouser Höhe mit der öffentlich verkündeten Lüge, dass dies den Weltkulturerbe-Status gefährden könnte.

„Röchling’sche Eisen- und Stahlwerke 1941 – 1944/ Zwangsarbeit für den deutschen Endsieg/Tausende müssen unter Zwang für die deutsche Rüstung arbeiten/Unterernährt – Misshandelt – Arbeitsunfall – Krank/Hunderte verlieren ihr Leben“ qualifizierte Grewenig als „unangemessen und historisch falsch“.

2014 widersetzte er sich der Verlegung einer Stolperschwelle am Eingang des Weltkulturerbes, die an das Schicksal der ZwangsarbeiterInnen erinnert. Die Inschrift „Röchling’sche Eisen- und Stahlwerke 1941 – 1944/ Zwangsarbeit für den deutschen Endsieg/Tausende müssen unter Zwang für die deutsche Rüstung arbeiten/Unterernährt – Misshandelt – Arbeitsunfall – Krank/Hunderte verlieren ihr Leben“ qualifizierte er als „unangemessen und historisch falsch“.

Grewenig wurde 2011 für seine Verdienste von Karl Rauber, dem Kultusminister der bereits zu Ende gehenden Landesregierung von Peter Müller, der Ehrentitel Professor verliehen.  Die Bezahlung Grewenigs ist allerdings wesentlich höher als die eines ordentlichen Professors der Universität des Saarlandes. Sein Salär entspricht dem des saarländischen Ministerpräsidenten. (2014 waren es 13.571 € im Monat plus Dienstwagen plus 75,5 % Pensionsregelung) Der Landesrechnungshof  kritisierte dies im Jahr 2014, aber diese Rüge hatte fast keine Konsequenzen. Die saarländische Landespolitik kam zu dem Schluss, dass hier nichts zu machen ist und die Pensionierung des Professors im Jahr 2019 abzuwarten sei. 

Die “ZwangsarbeiterInnen-Ecke” in der Völklinger Hütte

Letzte Woche wurde die Öffentlichkeit durch die Saarbrücker Zeitung und den Saarländischen Rundfunk über eine radikale Kehrtwende des Direktors und den hinter ihm stehenden Röchlings informiert. Grewenig ließ mitteilen, dass er nun selbst die Verwirklichung eines Mahnmals für die ZwangsarbeiterInnen in seiner Hände genommen habe. Er wolle ein Mahnmal durch einen – natürlich weltberühmten – Konzeptkünstler errichten lassen. Dafür habe er sogar den Röchling-Clan gewinnen können. Der Künstler habe bereits einen Sonderpreis im sechsstelligen Bereich eingeräumt. Und die Röchlings sind bereit unter ihren 200 Gesellschaftern dafür Spenden zu sammeln.

Darüber, wer der Künstler ist, nach welchem politischen und künstlerischen Konzept das Mahnmal gebaut werden soll, wie die saarländische Öffentlichkeit, die Gewerkschaften und die Bürgerinitiativen in dieses künstlerische Konzept einbezogen werden, findet sich in Grewenigs Einlassungen nichts. Der hochbezahlte Angestellte der saarländischen Landesregierung macht sich selbst zum Herrn des Verfahrens und degradiert die politischen und dienstrechtlichen Kontrollorgane zu Statisten. Bisher hat die von dem Meiser-Skandal gebeutelte große Koalition auf jeden öffentlichen Kommentar hierzu verzichtet. Auch die Opposition schweigt.

Fotowand mit ZwangsarbeiterInnen

Das Mahnmal sieht Grewenig als „ästhetischen Leuchtturm, der auf einem wissenschaftlichen Fundament ruht.“ Weiter heißt es in der Saarbrücker Zeitung von 13.03.2018: „Es markiere den Start eines noch umfassenderen Zwangsarbeiter-Forschungsprojektes, für das Grewenig rund zehn Jahre ansetzt… man beabsichtige wirklich allen der rund 12 300 Zwangsarbeiter ein Gesicht und eine Biografie zu geben – und einen weiteren Ort in der Hütte.“

Klingt eher nach einem Arbeitsvertragsverlängerungswunsch. Die Frage, was die Röchlings und ihren Statthalter Grewenig dazu gebracht hat ihre jahrzehntelange Verweigerung und Blokadehaltung aufzugeben, bleibt nach wie vor unbeantwortet.

Waren es zuletzt die Veröffentlichungen in der Wochenzeitung „Der Freitag“, die ein viel beachtetes Interview mit Bernd Rausch, dem Autor  des Buchs „100 Jahre Röchling Ausbeutung, Raub, Kriegsverbrechen“ publiziert haben oder die vollständige Veröffentlichung des Buches in der Vierteljahreszeitschrift “BIG Business Crime”? Oder gab es Rückmeldungen von den Künstlern, vor allem aus der Urban-Art-Szene, die sich weigern, an einem Ort, der auf dieser Art mit seiner Geschichte umgeht, auszustellen? Oder hat etwa die Queen Elisabeth vermeldet, dass sie über die Idee an einem Ort ausgestellt zu werden, an dem die Kriegsverbrecher geehrt werden, ‚not amused‘ ist?

Wie auch immer: es ist ein zivilisatorischer Fortschritt in Sicht. Allerdings könnten Röchlings, wenn sie den Willen hätten, in kürzester Zeit nicht nur die Forderung nach dem Mahnmal, sondern alle bisher formulierten Forderungen der Bürgerinitiativen erfüllen. Diese wären, neben der Aufarbeitung der Geschichte und dem würdigen Gedenken an die ZwangsarbeiterInnen, auch eine mehr als symbolische materielle Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen, bzw. ihrer Familien. Ein Zeichen des guten Willens von Seiten des Röchling-Clans wäre auch eine Überweisung an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ der deutschen Industrie, was sie bisher bekanntlich abgelehnt haben. Des Weiteren sollte eine Dauerausstellung der saarländischen Industriegeschichte, in der auch die sozialen Kämpfe des Proletariats dokumentiert sind, errichtet werden. Hermann Röchling sollte als Ehrenbürger der Stadt Völklingen gestrichen werden, genauso wie der Name Röchling aus dem Namen des Ortsteils, der in Bouser Höhe umbenannt werden sollte.

Es ist nun die Aufgabe der Landesregierung und des von ihr kontrollierten Aufsichtsrates, dafür zu sorgen, dass bei der Gestaltung des Mahnmals und der Umgestaltung des Hüttengeländes demokratische Mindeststandards eingehalten werden. Die Fortsetzung der alten Ignoranz gegenüber jeder öffentlichen Debatte zeigt sich allerdings darin, dass an eine Beteiligung der Bürgerinitiativen in Völklingen und Saarbrücken noch nicht einmal gedacht wurde. Die Umgestaltung jedes saarländischen Dorfbplatzes erfährt mehr öffentliche Beteiligung als die Errichtung eines Mahnmals für die Zwangsarbeiter des zentralen Ortes der saarländischen Industriegeschichte und Weltkulturerbes der Menschheit. Die Gestaltung des Mahnmals sollte einer ordentlichen Ausschreibung unterzogen und die bisher engagierten Bürger in angemessener Form an der Gestaltung des Andenkens beteiligt werden. Keinesfalls kann das Mahnmal in einer Halle versteckt, sondern muss gut sichtbar an welchem auch immer Haupteingang zum Weltkulturerbe errichtet werden. Ob ein würdiges Gedenken gelingen wird, hängt natürlich auch von der Person des neuen Direktors der Hütte ab. An dieser Entscheidung wird sich auch der neue Ministerpräsident messen lassen müssen.

“Ensemble-Preis” für mutige Journalisten

Tilla Fuchs und Johannes Kloth, die ersten "Ensemble" Preisträger

Tilla Fuchs und Johannes Kloth, die ersten “Ensemble” Preisträger
Klick das Foto für Video “Dankesrede der Preisträger – Was ist los in Völklingen”

Nur die Beiträge, die sich positiv zu Ausländern und kritisch gegen Ausländerfeindlichkeit wenden, dürfen bei der Preisverleihung berücksichtigt werden: So hat es Bernd Weiland, langjähriger saarländischer Journalist, der 2004  im Alter von nur 57 Jahren in Saarbrücken gestorben ist, in seinem Testament verfügt. Aus dem letzten Willen seines Kollegen hat der Saarländischen Journalistenverband in Zusammenarbeit mit der “Bernhard-Weiland-Stiftung” , dem “Saarländischen Rundfunk” und der “Saarbrücker Zeitung” den Journalisten-Nachwuchspreis “Ensemble” ausgerufen.

Die ersten Preisträger wurden am 07. März, bei einer würdigen Zeremonie im Studio 1 des Saarländischen Rundfunks gekürt: Das Projekt 360° Mainz der Johannes-Gutenberg-Universität in der Kategorie Multimedia, die Journalistin Tilla Fuchs, für ihr rührendes Radiofeature “Und dann war das ganze Leben weg” und in der Kategorie bester Textbeitrag Johannes Kloth, für sein Dossier zu ungeklärten Brandanschlägen in Völklingen.

“Er hat die Faust in eine dunkle Höhle der Verdrängung und Ignoranz gestoßen. Hartnäckig, beständig, bohrend, hat er die Opfer, Politiker, Staatsanwaltschaften, Anwälte der Betroffenen, Polizei und Feuerwehr befragt. Herausgekommen ist ein beklemmendes Bild, das aufzeigt, wie Behörden in völliger Selbstverständlichkeit bis hin zur Selbstgefälligkeit die Brände gegen Wohnhäuser von Türken und Kurden unbedingt und ausschließlich ohne jedweden rechtsradikalen Hintergrund betrachteten. Er zeigt auf, mit welcher Zwanghaftigkeit nicht sein soll, was nicht sein darf.

Laudatio per Video aus Berlin, Hatice Akyün

Laudatio per Video aus Berlin, Hatice Akyün

Ohne zu werten, beschreibt er einen blinden Fleck in der öffentlichen Wahrnehmung, der in seiner Sturheit fast schon die Grenze der Fahrlässigkeit zum bewussten Vorsatz erkennen lässt. Dank seines Einsatzes, hat er die Vorgänge um die ungeklärten Brände in Völklingen unter großen Widerständen ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und so durch seine Berichterstattung mustergültig die Notwendigkeit einer unabhängigen freien Presse aufgezeigt.”, heißt es in der Laudatio der Journalistin und Buchautorin Hatice Akyün  zu Johannes Kloth.

Zu der Arbeit der Mainzer Studenten meint sie: “Es ist das Portrait einer bunten, lebendigen Stadt, die Vielfalt beschreibt, die auf einzelne Menschen eingeht und sie in den gelebten Realitäten, die nebeneinander und trotzdem miteinander stattfinden, abbildet. Die Beiträge sind kurz, prägnant, informativ und sie reden nicht von denen und uns, sondern beschreiben lauter bunte Einzelteile als ein „Wir“. Multikulti ist nicht tot!”

Igbal Berber, Juryvorsitzende

Igbal Berber, Juryvorsitzende

Die Juryvorsitzende Igbal Berber beschreibt die prämierte Arbeit der Tilla Fuchs: “Sie erinnert an die Brände in Völklingen vor 12 Jahren. So viele Jahre später geht sie der Frage nach, was mit den Opfern passiert ist. Ein Zeichen des Wahrnehmens, der Zuwendung. Spannend, mit viel Emotion und dennoch mit der nötigen Distanz bearbeitet sie das Thema. Durch viele O-Töne schafft sie Raum für die Gefühle der Opfer und Zeugen, ohne deren Aussagen als die absolute Wahrheit darstellen zu wollen. Ein Ausschnitt:
„Die Dienststelle der Völklinger Feuerwehr liegt keine 900 Meter von der Poststraße 41 entfernt. Die der Freiwilligen Feuerwehr keine 500 Meter. Haben die Löschzüge wirklich über 30 Minuten gebraucht, bis sie am Einsatzort eintrafen? Oder erschien Ari B. die Zeit so entsetzlich lang, weil er den Menschen oben im zweiten Stock nicht helfen konnte? Fest steht, dass er und seine beiden Freunde Zeit hatten, die sieben Kinder der Familie D. zu retten, mehrfach bei der Feuerwehr anzurufen – und dass Fatma T. bei Eintreffen der Rettungskräfte nicht mehr am Fenster im 2. Stock stand.“

Hatice Akyün meint dazu:” Ihre Details, wie den Originalton des vorbeiziehenden Nachbarn, der seine türkischen Mitbürger „Kanaken“ betitelt. Das Verlesen des Briefes des Sozialamtes, an die nun in der Türkei lebenden Tochter, die man als Minderjährige aufforderte, ihre Einkommensverhältnisse offen zu legen, um für die Pflegekosten der Mutter aufzukommen. Seit dem Brand im Jahre 2000 konnte sie ihre Mutter nicht sehen, da man den Kindern die Wiedereinreise nach Deutschland verweigerte. Die Mutter in Folge des ungeklärten Brandes, ein Pflegefall, beschreibt Tilla Fuchs nüchtern das Klima im Umgang mit den Opfern.

Beide Preisträger, jeder in seinem Medium, werten nicht. Sie fügen Teile zusammen, Teile, die man übersehen hat oder vielleicht übersehen wollte.
Es ist beiden Preisträgern zu verdanken, dass unsere demokratische Gesellschaft dank solcher Beiträge nicht zur Tagesordnung übergehen kann. Es ist dem Redaktionsteam von 360Grad-Mainz zu verdanken, dass Multikulti selbstverständlich eine Bereicherung ist. Es ist allen drei Preisträgern zu verdanken, dass wir durch sie erinnert werden, mit offenen Augen durch unsere buntere, vielfältigere und vielleicht auch anstrengendere Welt zu gehen.
Und es ist den Machern von „Ensemble“ zu verdanken, dass man ein solches Engagement würdigt.”

 

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