„Ensemble-Preis“ für mutige Journalisten

Tilla Fuchs und Johannes Kloth, die ersten "Ensemble" Preisträger

Tilla Fuchs und Johannes Kloth, die ersten „Ensemble“ Preisträger
Klick das Foto für Video „Dankesrede der Preisträger – Was ist los in Völklingen“

Nur die Beiträge, die sich positiv zu Ausländern und kritisch gegen Ausländerfeindlichkeit wenden, dürfen bei der Preisverleihung berücksichtigt werden: So hat es Bernd Weiland, langjähriger saarländischer Journalist, der 2004  im Alter von nur 57 Jahren in Saarbrücken gestorben ist, in seinem Testament verfügt. Aus dem letzten Willen seines Kollegen hat der Saarländischen Journalistenverband in Zusammenarbeit mit der „Bernhard-Weiland-Stiftung“ , dem „Saarländischen Rundfunk“ und der „Saarbrücker Zeitung“ den Journalisten-Nachwuchspreis „Ensemble“ ausgerufen.

Die ersten Preisträger wurden am 07. März, bei einer würdigen Zeremonie im Studio 1 des Saarländischen Rundfunks gekürt: Das Projekt 360° Mainz der Johannes-Gutenberg-Universität in der Kategorie Multimedia, die Journalistin Tilla Fuchs, für ihr rührendes Radiofeature „Und dann war das ganze Leben weg“ und in der Kategorie bester Textbeitrag Johannes Kloth, für sein Dossier zu ungeklärten Brandanschlägen in Völklingen.

„Er hat die Faust in eine dunkle Höhle der Verdrängung und Ignoranz gestoßen. Hartnäckig, beständig, bohrend, hat er die Opfer, Politiker, Staatsanwaltschaften, Anwälte der Betroffenen, Polizei und Feuerwehr befragt. Herausgekommen ist ein beklemmendes Bild, das aufzeigt, wie Behörden in völliger Selbstverständlichkeit bis hin zur Selbstgefälligkeit die Brände gegen Wohnhäuser von Türken und Kurden unbedingt und ausschließlich ohne jedweden rechtsradikalen Hintergrund betrachteten. Er zeigt auf, mit welcher Zwanghaftigkeit nicht sein soll, was nicht sein darf.

Laudatio per Video aus Berlin, Hatice Akyün

Laudatio per Video aus Berlin, Hatice Akyün

Ohne zu werten, beschreibt er einen blinden Fleck in der öffentlichen Wahrnehmung, der in seiner Sturheit fast schon die Grenze der Fahrlässigkeit zum bewussten Vorsatz erkennen lässt. Dank seines Einsatzes, hat er die Vorgänge um die ungeklärten Brände in Völklingen unter großen Widerständen ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und so durch seine Berichterstattung mustergültig die Notwendigkeit einer unabhängigen freien Presse aufgezeigt.“, heißt es in der Laudatio der Journalistin und Buchautorin Hatice Akyün  zu Johannes Kloth.

Zu der Arbeit der Mainzer Studenten meint sie: „Es ist das Portrait einer bunten, lebendigen Stadt, die Vielfalt beschreibt, die auf einzelne Menschen eingeht und sie in den gelebten Realitäten, die nebeneinander und trotzdem miteinander stattfinden, abbildet. Die Beiträge sind kurz, prägnant, informativ und sie reden nicht von denen und uns, sondern beschreiben lauter bunte Einzelteile als ein „Wir“. Multikulti ist nicht tot!“

Igbal Berber, Juryvorsitzende

Igbal Berber, Juryvorsitzende

Die Juryvorsitzende Igbal Berber beschreibt die prämierte Arbeit der Tilla Fuchs: „Sie erinnert an die Brände in Völklingen vor 12 Jahren. So viele Jahre später geht sie der Frage nach, was mit den Opfern passiert ist. Ein Zeichen des Wahrnehmens, der Zuwendung. Spannend, mit viel Emotion und dennoch mit der nötigen Distanz bearbeitet sie das Thema. Durch viele O-Töne schafft sie Raum für die Gefühle der Opfer und Zeugen, ohne deren Aussagen als die absolute Wahrheit darstellen zu wollen. Ein Ausschnitt:
„Die Dienststelle der Völklinger Feuerwehr liegt keine 900 Meter von der Poststraße 41 entfernt. Die der Freiwilligen Feuerwehr keine 500 Meter. Haben die Löschzüge wirklich über 30 Minuten gebraucht, bis sie am Einsatzort eintrafen? Oder erschien Ari B. die Zeit so entsetzlich lang, weil er den Menschen oben im zweiten Stock nicht helfen konnte? Fest steht, dass er und seine beiden Freunde Zeit hatten, die sieben Kinder der Familie D. zu retten, mehrfach bei der Feuerwehr anzurufen – und dass Fatma T. bei Eintreffen der Rettungskräfte nicht mehr am Fenster im 2. Stock stand.“

Hatice Akyün meint dazu:“ Ihre Details, wie den Originalton des vorbeiziehenden Nachbarn, der seine türkischen Mitbürger „Kanaken“ betitelt. Das Verlesen des Briefes des Sozialamtes, an die nun in der Türkei lebenden Tochter, die man als Minderjährige aufforderte, ihre Einkommensverhältnisse offen zu legen, um für die Pflegekosten der Mutter aufzukommen. Seit dem Brand im Jahre 2000 konnte sie ihre Mutter nicht sehen, da man den Kindern die Wiedereinreise nach Deutschland verweigerte. Die Mutter in Folge des ungeklärten Brandes, ein Pflegefall, beschreibt Tilla Fuchs nüchtern das Klima im Umgang mit den Opfern.

Beide Preisträger, jeder in seinem Medium, werten nicht. Sie fügen Teile zusammen, Teile, die man übersehen hat oder vielleicht übersehen wollte.
Es ist beiden Preisträgern zu verdanken, dass unsere demokratische Gesellschaft dank solcher Beiträge nicht zur Tagesordnung übergehen kann. Es ist dem Redaktionsteam von 360Grad-Mainz zu verdanken, dass Multikulti selbstverständlich eine Bereicherung ist. Es ist allen drei Preisträgern zu verdanken, dass wir durch sie erinnert werden, mit offenen Augen durch unsere buntere, vielfältigere und vielleicht auch anstrengendere Welt zu gehen.
Und es ist den Machern von „Ensemble“ zu verdanken, dass man ein solches Engagement würdigt.“

 

Ulli Wagner, „Ensemble“ Preisverleihung, 07.03.2013

Ulli Wagner, Vorsitzende des Saarländischen Journalisten Verbandes

Ulli Wagner, Vorsitzende des Saarländischen Journalisten Verbandes

„WIR“ – das ist ein magisches Wort: WIR kann einbeziehen oder ausgrenzen, WIR kann die offene Hand sein oder das geschlossene Visier, WIR kann Zukunft geben oder verweigern. Wir im Saarland, sagen wir so gerne – mich eingeschlossen – hier oben auf dem Halberg, aber auch da unten in der Gutenbergstraße. Wen meinem wir damit eigentlich, mit diesem WIR?

 

In den Medien und mit den Medien produzieren und verstärken wir Bilder. So, wie sie helfen können, Urteile zu bilden, können sie auch dazu beitragen, Vorurteile zu festigen: Strömen Zuwanderer nach Europa, oder wandern Menschen ein? Tragen Frauen muslimische Bademoden, oder findet ein „Burka-Schwimmen“ statt? Interessieren sich Migrantinnen nicht für Politik, oder interessieren sich die Parteien nicht für Migrantinnen? Vorurteilsfreie Berichterstattung wird es vermutlich nie geben – wer von uns ist schon vorurteilsfrei? Vorurteilsbewusste Berichterstattung wäre aber schon mal ein großer Schritt. Ein Anfang. Ein Bekenntnis: zum WIR.
Wir leben in einer  Gesellschaft, die immer vielfältiger wird, in der es immer mehr Interessen, Kulturen, Lebenswelten gibt. Können wir uns da noch erlauben, Berichterstattung nur aus Sicht der vermeintlichen Mehrheit zu organisieren. Gehört zu einer vielfältigen Gesellschaft nicht auch eine multiperspektivische Berichterstattung – und ist die somit nicht auch öffentliche Aufgabe der Medien?

Ist es nicht an der Zeit,

  • über die eigene Sichtweise, die eigene Sprache, die eigenen Bilder zu reflektieren
  • neue Wege für realistische und zugleich gerechtere Berichterstattung zu finden
  • Diversitykompetenz – also Kompetenz in der Vielfalt und Andersartigkeit der Individuen in unserer Gesellschaft – als Qualifikationsmerkmal zu erkennen. Auch im journalistischen Bereich!

Und ist es nicht an der Zeit, die Chancen der Vielfalt zu nutzen – auch für die Medien, für neue Projekte, neue Talente und auch ein neues Publikum, neue User – auf welchem Verbreitungs-Weg auch immer?
Ich denke ja. Und ich gehe noch weiter: Ich bin davon überzeugt: multiperspektivische Berichterstattung ist auch ein Gebot journalistischer Professionalität. Und sie ist unsere Chance für die Zukunft.

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