Morgen will es wieder werden

Von Gerhard Himbert

Werkschau Fred Kelemen im Kino 8 ½ in Saarbrücken, 24.06.13 – 29.06.13
Eine kleine Referenz zu einem großen Kinotext. Zum Werk von Fred Kelemen

 

Der Tod und die Liebe sind ein VERHÄNGNIS.

Demütigung und Katharsis erzwingen die Auferstehung, Versöhnung als Option. Neubeginn ist der Ausblick des Fred Kelemen.

Der Regisseur nennt als seine Vorbilder Malerei und Musik, Bilder und Töne lernen laufen schwarzweiß, und in üppigen, verschwommenen Farben. Melodie ist ihre wunderbare Kulisse, stampfen auf dem Boden die Füße.

Zeitlosigkeit in subjektiver Einstellung weckt den Kopf, der beginnt, die eigene Person zu erkennen, die gebannt und ratlos im Kinosaal sitzt, erst am Ende die Frage versteht, wenn alles vorbei ist.

Zwischen Nietzsche und Marx, haben wir den Weltraum verlassen, heruntergekommen in eine Bar als letzten Ort der Sinnlichkeit, wo wir obdachlos Hochprozentigen trinken, Wein aus felsigen Kellern, etwas zurück zu bringen versuchen, aber wie ein bedrohliches Ding sogleich als Rauch vieler Zigaretten wieder loswerden wollen.

IMG_4723-2Er passt uns nicht mehr dieser Anzug, dieses Glockenmaterial.

Treiben schwimmend in Geräuschen, inhärenter Musik, unsichtbarer Kameragemäldemann in der Nähe von E. Hopper, Hunde und Kühe tauchen mittendrin nachts auf, eine Weisheit scheinbar eben zurück aus der Entfernung, nicht zu wissen gleichwohl.

Sind wir in der Zukunft oder waren wir in Richtung Vergangenheit unterwegs, am Ende unbehaust, – wenn das Licht angeht bleibt noch der Weg nach innen.

Nichts scheint mehr wachsen zu wollen auf feuchten Pflastersteinen Atlantis`, – soll Europa unsere Sinne wieder beleben mit der Verdrängung von Schuld, – oder weiß der Junge es besser, wenn er am Ende ganz bewusst auf die Unschuld verzichtet?

Ist der Film FROST ein schmerzlich epochales Aufwachen angesichts der Vermutung, dass wir um zu leben, umsonst getötet haben, resp. dass wir Gott jetzt endlich durch einen anderen ersetzen müssen, – den, der nach reiflicher Prüfung das Opfer doch nicht annimmt, es geradezu verbietet?

Haben wir das falsche Opfer gebracht, den Vater verraten, statt die Mutter? Wartet der Vater vielleicht noch im Dionysischen des Kellerraums? Können wir ihn anrufen?

Fred Kelemen überführt uns als Schauspieler, schlägt uns ans Kreuz, lässt uns vom Kommissar nach dem Rest einer GLUT befragen, nagelt das gebrochene Brot auf die getrennten Geschlechter, dreht das Kettenkarussell der Befangenheit so deutlich wie Pasolini das konnte zu einer Zeit, als das Christentum sterben sollte, und Gott sei Dank ist es seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts allmählich gestorben, –  jenseits des eisernen Vorhangs, wir wussten es nur noch nicht.

Ist es der Krieg als unsere Lebens-Produktions-Bedingung, der zurückschaut vom Spiegel der Lein -Wand, unser Denken nicht hin zum Glück transferiert im rhythmischen Tanz, – oder sind es die Sphären der fehlenden Gottheit, die den trostlosen Menschen daran hindern, ihre ausgehöhlte Lage zu verändern?

Wer wird wann einschreiten?

Wer ist der Zuschauer?

Ist der Weihrauch das Wesentliche?

Der Wind? Ist die Botschaft dieser Filme, auf den Tod des Sokrates hinzuweisen? Müssen wir Gott jetzt helfen?

Ab und zu kommen Menschen von drüben, und bringen uns die frohe Botschaft, dass man nun verstanden hat, dass es so nicht weitergeht, ohne Vision. Es sind Zigeuner, denen wir nicht glauben, dass sie unser Wasser bezahlen, dass man den Ödipus von Sophokles an seinem Negativbild erkennt, – am Bild er toten Mutter in der Truhe.

Schuld ist, wenn man den Verursacher nicht kennt, wenn man hereingelegt wurde.

Es geht immer um Freud, um Mann und Frau, um Leid. Am Ende auch im ABENDLAND findet der Protagonist Maria Magdalena, nicht mehr der Knabe die Mutter, nicht mehr die Jungfrau den Kutscher. Das Testament findet sich.

Die Kreatur wird bei diesem Filmemacher solange im Traum abgebildet, einer Fabrik, bis die Umstände kollabieren. Es geht um Erlösung, um Passion, deren Koordinaten justiert sein müssen, bevor sie beginnt, kein Kinderspiel mehr zu sein, wo Tod und Liebe ist im Feuer.

Morgen will es wieder werden.

Das ist das Werk des Fred Kelemen.

So, 30.06.13

Diese Woche hat mein Leben verändert

Von Ingrid Kraus

Der Regisseur und Kameramann Fred Kelemen war letzte Woche im Kino achteinhalb. Vielen Dank noch einmal an Fred, die HBK, das Filmfestival Max-Ophüls-Preis.

„Diese Woche hat mein Leben verändert“. Das Zitat stammt von einem der treuen Kinozuschauer, die sich die gesamte Werkschau von Fred Kelemen im Kino achteinhalb zwischen dem 24. und dem 30. Juni 2013 angesehen hat.

Ingrid Kraus und Fred Kelemen

Ingrid Kraus und Fred Kelemen

Es waren immer zwischen 20 und 25 Personen, die an den Filmabenden im Kino waren. Die Filme waren formal besonders und inhaltlich aufregend. Von Kritikern oft als düster bezeichnet, stellen die Spielfilme von Kelemen für ihn ein Abbild der ihn umgebenden Realität dar und seine Helden müssen Schweres durchmachen, um am Ende geläutert, wie z.B. in ABENDLAND, die Liebe wiederzufinden. In Verbindung mit seiner unglaublichen Kameraarbeit, der Länge der Einstellungen und der Filme selbst, entsteht ein hypnotischer Sog dieses Kinos, das einem festhalten will und packt. Zu einer kongenialen Meisterschaft bringt es Fred Kelemen in den beiden Filmen, bei denen Béla Tarr Regie geführt hat: THE MAN FROM LONDON und THE TURINE HORSE. Beide in Schwarz-Weiß gedreht, jedoch jeder in seinem eigenen Schwarz-weiß, korrespondieren diese Filme miteinander in ihrer Gegensätzlichkeit. THE MAN FROM LONDON ein artifizielles Werk, mit einer von Kelemen wunderbar choreografischen Kamera ins Bild gesetzt gegenüber dem realistischen THE TURINE HORSE, der die letzten 6 Tage einer einfachen Bauernfamilie, bestehend aus Vater und Tochter beobachtend filmt, wie wenn es die letzten Tage der Menschheit überhaupt wären.
Es war ein besonderes und unvergleichliches Erlebnis, sich 6 Tage lang, wie in einer eigenen „Schöpfungsgeschichte“, diesen Filmen zu widmen und in den anschließenden Gesprächen, einen sensiblen und sehr klugen Regisseur und Kameramann und den herzlichen Mensch Fred Kelemen kennenzulernen.

Kelemen in der „Oskar-Akademie“

Kino 8 1/2: Fred Kelemen, HBK-Professorin Sung-Hyung Cho und Gastgeber Waldemar Spallek

Kino 8 1/2: HBK-Professorin Sung-Hyung Cho, Fred Kelemen und Gastgeber Waldemar Spallek

Fred Kelemen, Filmemacher und Kameramann aus Berlin und seit diesem Sommersemester Gastprofessor an der Saarbrücker Hochschule für bildende Künste, wurde vergangene Woche zum Mitglied der Academy of Moving Picture Arts and Sciences (die „Oskar-Akademie“) berufen. Diese Ehre ist ihm für seine Arbeit als Kameramann bei den Filmen „The Man from London“ und „Das Turiner Pferd“ des ungarischen Regisseurs Béla Tarr zuteil geworden.

Die berufenen Künstler beschreibt Hawk Koch, der Präsident der Akademie, als „die Personen, die unter den besten heute arbeitenden Filmemachern auf der ganzen Welt sind. Ich bin stolz sie in der Akademie willkommen zu heißen.“

Der offizielle Empfang für die neuen Mitglieder findet im September statt.

Anlässlich seiner HBK-Gastprofessur, die nach dem Saarbrücker Regisseur Max-Ophüls benannt ist und aus dem Kreis ehemaliger Preisträger/innen des MOP-Festivals besetzt wird, zeigte das Saarbrücker Kino 8 1/2 eine Werkschau von Kelemens Filmen mit der Überschrift „Im Zeitkristall von Dunkelheit und Licht“.

Gruppengespräche im Kino 8 1/2

Gruppengespräche im Kino 8 1/2

Professor Kelemen war die ganze Zeit anwesend und führte nach jeder Filmvorstellung Gespräche mit den Zuschauern. Das Publikum im Kino 8 ½ begeisterte er mit der Empathie und Liebe, die er für seine Filme und die Menschen und Landschaften und Musik und jede Szene darin aufbringt.

Aus diesem Anlass veröffentlicht SaarKlar zwei Gastbeiträge, die als Rückblick auf eine Juniwoche  mit Fred Kelemen in Saarbrücken entstanden sind. Ein Interview mit Professor Kelemen ist hier auch bald zu lesen.

SaarKlar Berichte • Bilder • Meinungen