Das gelobte Euroland

Warum verlassen die Menschen ihre Heimat? Das war das Thema des Saarbrücker Caritas-Gespräches, das am Mittwoch, den 14. September 2016 stattgefunden hat. Das Einführungsreferat hielt Clemens Ronnefeldt, Referent für Friedens- und Konfliktfragen des internationalen Versöhnungsbundes über die Fluchtursachen im Nahen und Mittleren Osten. Im Podium saßen anschließend Adoula Dado, Mitglied der Projektgruppe „Sonderkontingent Nordirak“ des baden-württembergischen Staatsministeriums, Rechtsanwalt Bernhard Dahm als Mitglied des Saarländischen Flüchtlingrats und ich als Journalistin mit dem Herkunftsbezug zum Balkan. Es moderierte Jürgen Albers vom Saarländischen Rundfunk.

Mein vorgesehener Beitrag war im Wesentlichen auf drei Punkte gerichtet:

  1. Fluchtursachen weltweit,
  2. meine Flucht aus Bosnien und Herzegowina und
  3. Bekämpfung der Fluchtursachen.
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Ein Detail vom Denkmal im irischen Dublin, das an die Zeit der großen Hungersnot (1846-51) erinnert

Erstens bleibt festzuhalten, was Marx und Engels schon im 19. Jahrhundert erkannt haben, dass es die Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus ist, immer weiter zu expandieren, um Ressourcen und neue Märkte zu erschließen. Unaufhörlich. Wenn es um die Profite geht, werden auch Kriege in Kauf genommen. Kriege, die dann als Bürgerkrieg oder als religiöse Konflikte bezeichnet werden. Kriege, die immer schmutzig und grausam sind. Kriege, bei denen es von Anfang an und letztendlich um das Land und die (Über)Macht geht.

Kapitalismus braucht freie Wege – also wird weggeräumt, was im Wege steht. Mit oder ohne Kriege setzt der kapitalistische Weltmarkt Menschen in Bewegung. Kapitalismus führt von Anfang an zu Globalisierung. Das ist ein Prozess, der historisch gesehen weder neu, noch beendet ist. Es hat nur die Entwicklungen des Dampfschiffes und transnationale Reedereien gebraucht, und schon wanderten im 19. Jahrhundert etwa 60 Millionen Menschen nach Amerika aus.

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Straßenschilder in Bosnien und Herzegowina – die kyrilische Schrift soll als Verkörperung des „serbischen Feindes“ verschwinden

Eine der größten Immigrationswellen setzte sich 1939-1945 in Bewegung,  als Nazideutschland mit seinen Satelliten sich auf den Weg machte, den Weltmarkt zu beherrschen. Nun stelle ich mir vor:  27 Millionen Russen, die getötet wurden bis dieses Ungeheuer besiegt wurde. Plus die restlichen 33 Millionen Toten. Vor nur 70 Jahren. Hätten wir damals schon Handys gehabt, wie wäre das gewesen?

Also was ist heute anders als damals? Transport und Kommunikation wurden revolutioniert. Alles wird besser wahrgenommen, die ganzen schrecklichen Bilder begleiten uns durch das Fernsehen bis in unsere Wohnzimmer. Die Welt ist eben ein Dorf (geworden). Das Zauberwort heißt Smartphone. Mit ihm ist Reisenden enorm geholfen. Jeder von uns kann so auf der Flucht selbst mit dabei sein. So wie damals nach Amerika, so wandern auch heute die Bessergestellten und die Mutigsten Richtung Europa, weil sie sich heute hier bessere Lebenschancen erhoffen. Ein sicheres Zeichen, wie gut Europa geworden ist, wir sind das „gelobte Land“.

Jugoslawien

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Ein Wandmosaik aus Haifa, Israel. Im Hintergrund ist der zum Wahrzeichen der Stadt gewordener Tempel der Bahai Religion abgebildet

Es hat lange Zeit gebraucht für mich, das Auseinanderbrechen von Jugoslawien zu begreifen. Es gibt eine Redewendung, die besagt, man solle sich vom Objekt entfernen, um die Situation besser überblicken zu können. Was habe ich durch diese, vor 20 Jahren erzwungene Distanz erkannt? Die sozialistische Welt, in der ich aufgewachsen und im Geiste der Humanität, der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen erzogen worden bin, war nicht flexibel genug, um den aufkommenden wirtschaftlichen Niedergang zu stoppen. Sich anhäufende soziale Probleme wurden ethnisiert, und schließlich wurde Jugoslawien von einem Tsunami der Nationalismen vernichtet.

Angst wurde jeden Tag geschürt: Slowenen, Kroaten, Kosovaren, Bosnier, Serben, Muslime, alle gegen alle. Den meisten Menschen wurden ethnische und religiöse Zugehörigkeiten aufgedrängt. Diejenigen, die sich nicht im Stande sahen, für das Gemeinsame zu kämpfen, kapitulierten leider zu schnell vor dem Bösen und verließen das Land auf Nimmerwiedersehen. So verlor Bosnien ca. 20 % seiner Bürger, mehr als eine Million Menschen. Und zwar die am besten gebildeten, die weltoffensten. Der Weg war frei für endgültige ethnische Säuberungen. Wie vollständig dies gelungen ist, zeigt die im Jahre 2013 in Bosnien und Herzegowina durchgeführte Volkszählung. Die Resultate dieser Zählung sind derart erschütternd, dass es fast ganze drei Jahre gedauert hat, bis sie veröffentlicht wurden.

VOLKSZÄHLUNG: Oktober 2013 (veröffentlicht Juli 2016)

in Klammern Volkszählung vor dem Krieg 1991

Einwohner: jetzt 3,5 Millionen (1991 = 4,4 Millionen)

in  % Bosniaken Serben Kroaten Andere
BIH 50,1 (43,5) 30,8 (31,2) 15,4 (17,4) 3,7 (7,9)
Föderation BiH 70 (52) 2,5 (18) 22,4 (22) 4,6 (8)
Rep. Srpska 14 (28) 81,5 (55) 2,4 (9) 2,1 (7,3)
Sarajevo 83,8 (51) 3 (27) 4,2 (7) 9 (15)
Mostar 44 (35) 4 (19) 48 (34) 3 (12,5)
Banja Luka 4 (15) 90 (55) 3 (15) 3,5 (16)
Tuzla 73 (47,7) 3 (15,5) 13,9 (15,2) 10,3 (21,5)

Demnach wurde Bosnien stark entmenschlicht, bzw. entvölkert: von 4,4 Millionen im Jahr 1991 auf heutige 3,5 Millionen Einwohner. Des weiteren zeigt sich, dass die Politik der „freiwilligen“ Umsiedlungen und ethnischen Säuberungen fast perfekt gelungen ist. Was im Endeffekt nicht etwa dazu geführt hat, dass jetzt alle glücklich auf ihrem Stückchen Erde leben können. Diese kleinen ethnisch homogenen Staaten sind nichts weiter als Brutstätten der Kriminalität und Korruption geworden, unfähig, den Menschen das anzubieten, was sie wirklich brauchen, nämlich gute Infrastruktur, bezahlte Arbeitsplätze, Zugang zu Bildung, vernünftige Gesundheitssorge, Altersabsicherung. Stattdessen brüllen die Massen in Fußballstadien (z.B. in Kroatien) faschistische Grüße; in ostbosnischen Städten (Višegrad, Foča) werden Ethnokrieger als Befreier des serbischen Lands an zentralen Orten gefeiert, doch im Gründe nur dafür, dass sie  ihre nächsten Nachbarn vertrieben oder ermordet haben. Und die bosnischen Muslime sind dabei, ihre eigene Volksmythen und Volkshelden zu postulieren, worunter sich auch der ein oder andere SS-Offizier findet.

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Irgendwo in der kroatischen Krajina aus der die meisten Serben vertrieben wurden – ein Partisanen Denkmal zerstört als Sinnbild des Feindes

Selbst die heutige Verfassung in Bosnien und Herzegowina ist menschenrechtswidrig. Darin steht, dass es zum Beispiel einem Juden, einem Roma, schlicht einem einfachen Staatsbürger, nicht möglich ist, für die höchsten staatlichen Ämter (Parlament und das kollektive Präsidentenamt) zu kandidieren, wenn er dies nicht ausdrücklich als Kroate oder Serbe oder Bosniake tut.

Auf vielen Reisen durch die Länder Jugoslawiens in den letzten Jahren konnte ich mich mit vielen Menschen unterhalten. Was sie alle eint, ist die Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Trauer und Wut, zunehmend Hoffnungslosigkeit und Depression. Die einst gemeinsamen sozialistischen Betriebe sind ausgeplündert, das Land ausverkauft, Geld auf privaten Konten, Korruption auf dem Höchststand. Alle neugeschaffenen, postjugoslawischen Staaten leiden an wirtschaftlicher Unterentwicklung, der wichtigste wirtschaftliche Faktor bleibt die sogenannte Diaspora. Wobei wir wieder bei den Flüchtlingen und Migranten und Marx und Engels sind. Globalisierung hat neben manchen negativen auch wichtige positive Effekte, meinten die beiden, weil sie einen Entwicklungsschub in die rückständigen Weltgegenden bringt. Diese Entwicklung bringen maßgeblich die Auswanderer, bzw. die nie heimgekehrten Flüchtlinge. Neulich war ich auf einer Studienreise in Irland, und wir besuchten Universität in Limerick: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere infolge der Großen Hungersnot 1845-52, starben in Irland eine Million Menschen, etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung. Zwei Millionen Iren gelang die Auswanderung nach Amerika. Inzwischen unterstützen sie ihr einstiges Herkunftsland auch so, dass sie dort ganze Universitäten errichten und finanzieren. Der Gedanke, dass Bosnien und Herzegowina auch so etwas von ihren Auswanderern zuteilwerden könnte, erfüllte mich mit großem Optimismus.

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J.F. Kennedy wird in Irland wie ein Heiliger verehrt – Mosaik aus einer Kirche. Seine Vorfahren verließen Irland in Zeiten der Großen Hungersnot auf der Suche nach einem besseren Leben

Lassen wir also Menschen nach Europa kommen. Das sind unsere Grace Kellys und Kennedys von morgen. Sie brauchen uns, und wir brauchen sie.

Und hören wir auf, die Welt und seine sozialen Konflikte zu ethnisieren und zu sakralisieren. Einmal gesät ist der Hass schwer auszurotten und gefährlicher als Bomben. Deshalb sollten wir besonders auf unsere Sprache achten, denn sie ist ein sehr wirksames Gift, wenn es darum geht, Angst und Hass zu schüren. Ein Zitat von Victor Klemperer aus „Lingua Tertii Imperii“ (LTI): „Was war das stärkste Propagandamittel der Hitlerei? …der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden.“

Wir müssen aufhören, das Rückständige, Menschenfeindliche und Profitgierige zu glorifizieren (z.B. übertriebene Heimat- oder Volksliebe, Patriarchat, Heterosexualität, Religion…). Selbst im Saarland finden sich zahlreiche Beispiele einer unangemessenen und gefährlichen Erinnerungskultur: die Soldaten, die im letzten Eroberungs- und Vernichtungskrieg für Deutschland gefallen sind, werden in beinah jedem saarländischem Ort mit einem Gedenkstein oder riesigen Denkmal geehrt: „Unseren gefallenen und heimgekehrten Helden“, „Sie waren bereit für Gesetz und Vaterland zu sterben“.

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Irgendwo im Saarland: „UNSEREN GEFALLENEN UND HEIMGEKEHRTEN HELDEN 1870-1871, 1914-1918, 1939-1945“

Auch die zunehmenden Anstrengungen, die im Saarland zu vernehmen sind, den Familienklan Röchling, der sein Reichtum maßgeblich durch die Kriege und Blut unschuldiger Menschen angehäuft hat, heute wieder hoffähig zu machen, mutet sehr bitter an. Kinder werden durch die Völklinger Hütte geführt, wo gleichzeitig Röchlings durch eine ständige Ausstellung beweihräuchert werden. Gefährliche Aussichten, die Angst machen!

 

HELP EUROPE – Berlinale 2016

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Während der Berlinale installierte der chinesische Künstler Ai Weiwei 14.000 Rettungswesten am Konzerthaus als Symbol für die Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrunken sind.

An den Hauptpreisen ist deutlich zu erkennen: Die Berlinale bleibt auch im Jahr 2016 ihrem Ruf als das politischste Festival aller Filmfestspiele treu. Den Goldenen Bären bekam der Dokumentarfilm „Fuocoammare“ (Feuer am Meer), für den der italienische Regisseur Gianfranco Rosi ein ganzes Jahr auf der Mittelmeerinsel Lampedusa verbracht hat. Seit 20 Jahren schon sind die Bewohner dieser Insel täglich Zeugen der größten humanitären Tragödie unserer Zeit: Beim Versuch Hunger oder Verfolgung in eigenen, meist afrikanischen Ländern zu entfliehen sind schon 15.000 Menschen auf ihrem Weg nach Europa vor dieser Küste ertrunken.

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Silberner Bär und Kritikerpreis Fipresci für Danis Tanović und „Smrt u Sarajevu“

Den silbernen Bären bekam der Film „Smrt u Sarajevu“ (Tod in Sarajevo), des Regisseurs Danis Tanović aus Bosnien und Herzegowina. Schon 2013 bekam er den gleichen Preis für den Film „Ein Tag im Leben eines Schrottsammlers“, in dem er auf die katastrophale Lage der Roma aufmerksam machte. Im neuen Film wird anlässlich der 100-jährigen Gedenkfeier des Sarajevo-Attentats an die klägliche Lage im heutigen Bosnien und Herzegowina erinnert. Seit der Anerkennung seiner Souveränität im März 1992, was sofort zu einem dreijährigen Krieg führte, wird das Land weitestgehend ignoriert. Wie die Geschichte aber lehrt, ist Europa schon mal in Bosnien gefallen: Das Attentat von 1914 am österreich-ungarischen Thronfolger löste sogar den ersten Weltkrieg aus!

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„National Bird“- Regisseurin Sonia Kennebeck und die Anwältin der Soldaten, Jesselyn Radack, die schon mal Edward Snowden vertreten hat

Einem aktuellen Krieg widmete sich die Regisseurin Sonia Kennebeck in ihrem Erstlingsdokumentarfilm „National Bird“, der nicht im Wettbewerb, sondern als Berlinale Special gezeigt wurde. Darin beschreiben die amerikanischen Soldaten, wie sie von ihren sicheren Arbeitsplätzen die Drohnen über Afghanistan explodieren lassen und afghanische Zivilisten erzählen, wie diese Explosionen ihr Leben zerstören.

Majd Mastoura wurde für seine Rolle als Hedi im gleichnamigen Film als bester Darsteller gewählt und Regisseur Mohamed Ben Attia bekam den Preis für den besten Erstlingsfilm. Diese sehenswerte Geschichte über das Leben junger Menschen zwischen den Traditionen und dem Ruf der Freiheit kommt aus Tunesien.
Als beste Darstellerin wurde Trine Dyrholm für ihre Rolle der verlassenen Ehefrau im dänischen Film „Kollektivet“ (Kommune) gewählt. Gezeigt wird der Versuch unterschiedlicher Menschen zusammen in einem Haus zu leben. Doch leider scheitert nicht nur dieser Versuch, sondern auch der Regisseur Thomas Vinterberg daran – eine halbe Stunde weniger (Gesamtlänge 111 Minuten) hätte diesem Film gut getan.
Schließlich ist die Länge eines Films kein Qualitätsmerkmal und war ganz sicher nicht der einzige Grund, dass der Preis für einen Spielfilm, der eine neue Perspektive eröffnet, an Lav Diaz’ Beitrag über die philippinische Revolution ging. Obwohl er den in der Geschichte eines Filmfestivals bisher längsten gezeigten Film („Hele Sa Hiwagang Hapis“) von 482 Minuten zur Berlinale brachte.

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Berlinale Direktor Dieter Kosslick: „Ein Filmfestival ist immer auch Seismograf, Diskurs und Spiegel der Realität.“

Um eine vom Ehemann betrogene und verlassene Frau geht es auch in dem französischen Film „L’Avenir“ (Was kommt), der für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Deutlich zeigt sich hier, dass die Regisseurin Mia Hansen-Løve ein anderes Frauenbild bevorzugt als ihr männlicher Kollege Vinterberg. Allein das rechtfertigt schon die Forderung des Bundeverbandes Regie nach mehr Förderungen für Frauen und Nachwuchsregisseure bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF. Laut dessen Diversitätsbericht gab es im Jahr 2014 in manchen Schienen, wie in dem High-budget-Bereich der Kinofilme ab 5 Mio. Euro, keine (!) Regisseurin, und der Nachwuchs wird erst ab einem Alter von 40 Jahren in die Regie-Arbeitswelt integriert.

Eine Vater-Sohn Beziehung, Sektenleben, Waffengewalt – es menschelt mal wieder in einem amerikanischen Sci-Fi-Thriller: „Midnight Special“, des Regisseurs Jeff Nichols, entsendet Grüße ins All, und es macht Spaß, dabei zu sein, auch wenn man kein Fan von Star Wars ist.
In gewisser Art „altmodisch“ ist auch der Film „Genius“, den man sich nicht entgehen lassen sollte! Regisseur Michael Grandage schenkt uns Filmpoesie, zusammen mit Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney. Er zeigt den Wert eines guten Lektors, wie Max Perkins einer war, der z. B. Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe im Scribner’s Verlag unter Vertrag nahm.

Jazzlegende Miles Davis (1926-1991) war ein Meister der Improvisation. Ein wildes Musikerleben mit allem was dazu gehört: Musikproduzenten, Frauen, Drogen, Alkohol… Mit dem Regiedebüt „Miles Ahead“ gelingt dem Schauspieler Don Cheadle, der sein Idol selbst spielt, ein Film, der mit großer Wahrscheinlichkeit auch Miles Davis gefallen hätte. IMG_7925

MassenmörderInnen waren bei der diesjährigen Berlinale stark vertreten: beeindruckend der tschechische Beitrag „Ja, Olga Hepnarová“ (Ich, Olga Hepnarova) über eine junge Frau, die mit 22 zur Massenmörderin wurde und 1975, als letzte in der Tschechoslowakei, öffentlich hingerichtet wurde.
Oliver Schmitz führte Regie bei „Shepherds and Butchers“ (Hirten und Schlächter): 1987 erschoss ein weißer Polizeiangestellter in Pretoria (Südafrika) sieben Mitglieder (überwiegend Schwarze) eines Football Clubs. Ein Gerichtsdrama, das eindrucksvoll gegen die Todesstrafe plädiert.
Auch im kroatischen Film „S one strane“ (Auf der andere Seite) geht es um Schuld und Strafe. Welche Folgen hat eine mehrjährige Gefängnisstrafe des Haager Kriegstribunals für die Familie eines Kriegsverbrechers? Es handelt sich hierbei um eine kroatisch-serbische Koproduktion, die an sich lobenswert ist. Leider versucht der Film erst gar nicht, so etwas wie Reue der Täter, das Unrechtsbewusstsein oder Mitleid mit den Opfern zu Tage zu bringen. Oder politische Hintergründe anzudeuten. Schlimmer noch, es wird der Ehefrau aufgebürdet über die Schuld ihres Mannes hinwegzusehen, seine Taten nicht zu hinterfragen und ihn so zu nehmen, wie er ist. Die Regiearbeit führte Zrinko Ogresta, der gleichzeitig als Koautor zeichnet und damit beweist, wie schädlich es sein kann, wenn Männer sich autorisiert fühlen, Drehbücher über Frauen ohne Frauen zu schreiben. Eine Verschwendung des schauspielerischen Könnens der Hauptdarsteller Ksenija Marinković und Lazar Ristovski.
IMG_7791Über 400 Filme, davon fast 200 Premieren wurden während der Berlinale vom 11-21. Februar gezeigt. Auch einige Filme, die vier Wochen zuvor beim Saarbrücker Filmnachwuchsfestival „Filmfestival Max Ophüls Preis“ gezeigt wurden, bekamen viel Aufmerksamkeit. Die Gewinner hatten die Gelegenheit, sich beim traditionellen Empfang der Landesmedienanstalt (LMS) in der saarländischen Landesvertretung in Berlin mal wieder zu treffen und zu besprechen. Bevor sie dann alle zu weiteren Terminen eilten. Denn wer die nächsten Bären abräumen will, muss jetzt schon hart arbeiten. Es bleibt spannend!

Wer keinen Pass hat ist ein Hund?

„Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes. Der Paß wird ihm in die Brusttasche gesteckt wie die Aktienpakete in das Safe gesteckt werden, das an und für sich keinen Wert hat, aber Wertgegenstände enthält.

Und doch könnte man behaupten, dass der Mensch in gewisser Hinsicht für den Paß notwendig ist. Der Paß ist die Hauptsach, Hut ab vor ihm, aber ohne dazugehörigen Menschen wäre er nicht möglich oder mindestens nicht ganz…“

Einst der begehrtester Reisepass der Welt. Heute wertlos, weil staatenlos

Einst der begehrteste Reisepass der Welt. Heute wertlos, weil staatenlos

Zitat aus „Flüchtlingsgesprächen“ von Bertolt Brecht, geboren 1898 in Augsburg, gestorben 1956 in Berlin. Schon 1933 flüchtete er aus Deutschland ins Exil.

Warum rührt mich dieses Zitat? Nun, weil ich auch selbst Flüchtling bin.

Aber warum jetzt? Es fallen mir einige mögliche Gründe ein: 1. weil mich die Geschichte mit den armen rumänischen Arbeitern am Bostalsee erschüttert. 2. weil ich nach 20 Jahren leben in Deutschland keine politischen Rechte habe – die kann ich nur dann bekommen, wenn ich einen deutschen Pass habe und den kann ich nicht bekommen. 3. weil der lange Winter mein Optimismus eingefroren hat?

„Flüchtlingsgespräche“ hat Brecht in den frühen vierziger Jahren geschrieben. So unterhielten sich zwei aus Deutschland Vertriebene am Hauptbahnhof von Helsinki über die internationale Lage und die eigene Situation. „Wer keinen Pass hat, ist ein Hund“  ist ein 2004 erschienener Dokumetarfilm von Bruno Moll, in dem gezeigt wird wie die Stimmungslage in der Zeit war,  als Brecht flüchtete und im Exil lebte, und sein damaliges Verhältnis zur Schweiz. Brecht war ein einflussreicher deutscher Dramatiker und Dichter. Seine Werke werden weltweit aufgeführt.

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