Die Juden und die graue Banane

„Ah Oma, bitte nicht! Nicht jetzt! Ich will schlafen!“ Hilft nichts. Sie ist schon da. Sichtlich aufgeregt: „Niemand kann doch ruhig schlafen, wenn Schwachköpfe so ein dummes Zeug in die Welt setzen.“, schimpft sie. „Oma, lass mich doch bitte schlafen.“ „Du musst was dagegen tun!“ „Oma, daran kann ich nichts ändern.“ „Versuch es. Schreib was!“, lässt sie sich nicht besänftigen. Auch im Jenseits ist meine Oma eine harte Kämpferin!

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Einst ein stolzes Heim, heute zerstört und verlassen, Jugoslawien ab 1990

So sitze ich jetzt um 3 Uhr morgens hinter meinem Schreibgerät. Die Begegnung, über die meine Oma so aufgebracht war, ereignete sich am späten Nachmittag, als ich auf dem Weg zu einer Veranstaltung war. Nachdem ich erwähnt hatte, dass ich gelegentlich meinen ursprünglichen Beruf als Journalistin ausübe und mich mit Politik beschäftige, wollte mein Gesprächspartner wissen, was ich denn von der jetzigen Situation halte. Seiner Meinung nach ist dies alles ein großer Weltkampf gegen den Islam.

Diese Überzeugung teilen einige Menschen bosnischer Herkunft, die 1991 bis 1995 aus ihrer Heimat vertrieben wurden und eine Zuflucht in Deutschland gefunden haben. Sie mussten um ihr Leben fliehen, nur weil sie von serbischen und kroatischen Nationalisten als Muslime festgeschrieben wurden. Dass die meisten damals mit Religion nichts am Hut hatten, spielte für die kriegsdurstigen Nationalisten keine Rolle. Nun ist das einst universalistisch angelegte Jugoslawien verschwunden und Bosnier versuchen sich in einer neuen Identifikation zurecht zu finden. Wie viele andere Jugoslawen auch können sie sich ihren Bruderkrieg schwer erklären. Auf der Suche nach dem Warum finden manche, die sich dann als besonders aufgeklärt wähnen, Antworten in den zahlreichen Verschwörungstheorien. Damit glauben sie, in die höheren geheimnisvollen Sphären der Weltpolitik durchgedrungen zu sein. So einer stand jetzt vor mir.

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Die Reste einer Moschee in der bosnischen Stadt Foča, gesprengt 1992

Ich startete einen Versuch: „Sieh mal, ich glaube wir sollten unseren Blick etwas schärfen. Aus Verzweiflung möchten viele Menschen heute Bosnien verlassen und nach besseren Perspektiven suchen. Keiner aber sehnt sich danach, nach Saudi Arabien auszuwandern, alle würden lieber gen Westen gehen. Warum? Saudi Arabien verurteilt Menschen zu 10 Jahren Haft und 1.000 Peitschenhieben, wenn sie behaupten, dass jeder Mensch gleich ist, egal ob er Muslim, Christ oder Atheist ist. Wir sind so nicht aufgewachsen. – Dort dürfen Frauen nicht wählen, kein Auto fahren, nicht alleine reisen. In Ägypten sind 90 % der Frauen beschnitten!!!…“
„Ich meine aber nicht diese kulturellen Sachen, sondern Finanzen“, unterbrach mich mein Gesprächspartner und schleuderte mir ungeduldig die große Wahrheit entgegen: „Saudi Arabien wird von Juden regiert!“
Upps! Das haute mich um. Ich war überrumpelt, stotterte: „…aber der saudische König, Mekka…?“
„Von Juden und von Amerika! Aber die Juden verlassen jetzt Amerika, verkaufen ihre Fabriken und entlassen Mittarbeiter und nehmen ihren ganzen Reichtum mit nach Israel. Du siehst ja, wie lange Israel schon Palästina bombardiert. Sie wollen Palästina vernichten.“
„Du weißt aber sicher, dass auch Juden in Palästina leben? Wie es auch israelische Araber gibt. Wenigstens Wikipedia müsste man lesen, um einige Fakten zu kennen!“

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Das Gedenkbuch für die 12.000 ermordeten bosnisch-herzegowinischen Juden (1941-1945) in der Synagoge in Sarajevo, gebaut 1580

Fakten interessieren ihn aber nicht. „Schon seit 5.000 Jahren regieren 5 Familien die ganze Welt!!!“
„Warum haben sie dann erlaubt, dass fast alle Juden vernichtet wurden?“, fragte ich.

„Weil auch Hitler ein jüdisches Produkt ist. Ich lebte ja länger in Zagreb und dort…“
Nun wurde ich ungeduldig: „In Kroatien haben sie auch fast alle Juden umgebracht, und in Bosnien gibt es kaum noch Synagogen oder andere Erinnerungen an sie!“
„Aber nein, in Zagreb gibt es noch Juden“, entgegnete er, und mir kam es so vor, als würde dahinter noch ein „leider“ schwingen. Ich beeilte mich wegzukommen. Hinter mir hörte ich seine Stimme noch behaupten: „… und die Nato ist eine Privatfirma. Sie schützt das Kapital dieser Familien…“

Wenig später saß ich bei dieser Veranstaltung mit dem Thema “Theoriegeladene Wahrnehmung: Wie Vorurteile beeinflussen, was wir sehen”. Vorurteile? Zugegeben, wir, die in Jugoslawien aufgewachsen sind, lernten tatsächlich, dass Religion Opium für das Volk ist. Wirkt denn Opium so auf die Menschen? Ich erinnere mich an eine Phase in meinem Leben, in der ich auch versuchte, diesen unfassbaren jugoslawischen Krieg und andere Weltgeschehnisse mit ähnlich irrsinnigen Theorien zu erklären. Macht Opium, dass Menschen so ratlos werden? Und sich so einen Wahn-Sinn aneignen?

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Die Reste einer serbisch-orthodoxen Kirche in der bosnischen Stadt Jajce, gesprengt 1992

Frau Dr. Eva Schmidt von der Universität des Saarlandes, die den Vortrag hielt, beschäftigte sich jahrelang mit menschlichen Wahrnehmungen. Mittlerweile hat die Wissenschaft bewiesen, was der Volksmund schon lange wusste: Nicht immer soll man den eigenen Augen trauen! Denn zu dem, was wir sehen oder erleben, gesellen sich fast gleichzeitig unsere Vor-An-Nahmen und verfälschen unser Wahrnehmungsurteil. Gutes Beispiel ist eine Studie mit einer grauen Banane. Egal wie grau die Banane tatsächlich gewesen war, die Betrachter hatten immer das Gefühl, sie sei gelb! In etwa so, wie viele lieber glauben die Juden seien an allem Übel der Welt schuld, als sich mit Fakten auseinanderzusetzen. Oder so, wie viele Muslime das Saudi Arabien erleben: Sie sehen, dass da einiges schlecht läuft, glauben aber trotzdem, dass dort alles heilig und unantastbar sei.

In solchen Fällen nutzt es nichts, den Menschen mit Argumenten entgegenzutreten, sagt die Wissenschaft. Aber was können wir denn tun, um zu vermeiden, dass bei der Urteilsfindung die Vorurteile, die wir haben, Einfluss nehmen?
Die Wissenschaft rät: sich dem Zeitdruck zu entziehen und Bauchentscheidungen zu vermeiden; persönliche Kontakte mit Menschen aufzunehmen; sich mit positiven Geschichten zu beschäftigen; sich egalitäre Ideale und Einstellungen (Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit) bewusst zu machen.

Das beruhigte mich. Damit lässt sich doch eindeutig besser leben, als mit diesen
abge-(wr)(f)(k)-ackten, seit 2016 Jahren existierenden antisemitischen Verschwörungen. Niemand kann sich seiner persönlichen Verantwortung entziehen. Es hängt von unserem Engagement ab, von jedem Einzelnen von uns, die Welt besser zu machen als sie ist. Mit oder besser noch ohne Opium.

So Oma, und jetzt lass uns noch ein wenig schlafen!

Weltfrieden ohne Staaten

Von Klaus Ludwig Helf

Michael Wolffsohn: Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf. Deutscher Taschenbuch Verlag München 2015

WeltfriedenStaaten zerfallen, Bürgerkriege und Chaos breiten sich aus; Terroristen und selbsternannte Staatschefs besetzen die entstehenden Lücken. Was sind die Ursachen dieser Zerfallsprozesse, welche wirtschaftliche Folgen sie für Deutschland, Europa und die Welt haben, welche Rolle spielt die Erdöl-, Erdgas- und Wasserpolitik dabei? Welche Auswege und Lösungen kann es geben und wie sieht der politische Entwurf  aus, der den Weltfrieden sichern könnte?

Michael Wolffson versucht in diesem Buch über die Alternativen zu den herkömmlichen Denkweisen und der traditionellen Politik nachzudenken, die diesem Ziel des Weltfriedens offensichtlich nicht  näherkommen können. Gleich zu Beginn des Bandes räumt er allerdings  ein, dass der gewählte Buchtitel mehr verspreche als der Autor halten könne, weist aber darauf hin, dass Frieden seit Immanuel Kants philosophischem Entwurf „Zum ewigen Frieden“ (1795) immer „mehr Sehnsucht als Wirklichkeit“ geblieben sei.
Wolffsohn

Michael Wolffsohn (*1947 in Tel Aviv) ist ein Historiker und Publizist. Er stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie, die 1939 vor den Nazis nach Palästina fliehen musste. Rückkehr nach Deutschland 1954. Von 1981 bis 2012 war er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität in München; er publizierte über 30 Bücher, zuletzt “Wem gehört das Heilige Land?” und hat regelmäßige Veröffentlichungen in nationalen und internationalen Medien.

Für das Entstehen der meisten großen Konflikte und Kriege in der Welt stellt Wolffsohn, als Ergebnis seiner Analysen folgende Diagnose: Das Identitätsbedürfnis der Menschen ergebe sich aus einem doppelten evolutionsbiologischen Grundmuster, das man akzeptieren müsse: „Sofern Menschen nicht manipuliert, also missbraucht werden, streben sie nach Selbstbestimmung. Sowohl als Individuum, als auch als Kollektiv. Menschen wollen politische Teilnahme und Teilhabe. Insbesondere wollen sie ihren Alltag selbst gestalten…Sie wollen ihr ganz eigenes Leben leben, in ihrer, der eigenen Gemeinschaft. Gleichzeitig wollen sich viele Menschen auch abkapseln, abgrenzen gegen andere: ethnisch, sprachlich, kulturell, religiös oder national“ (S.8).

Man könne den «Neuen Menschen« nicht erschaffen, sondern müsse Mittel und Wege finden, um zu verhindern, dass diese Abkapselung Konflikte oder gar Kriege anheize. Ohne Selbstbestimmung rebelliere oder revoltiere der Mensch früher oder später.

Nationalstaaten sind Totgeburten

In der westlichen Welt werde seit dem 19. und 20. Jahrhundert der Nationalstaat als Grundlage für die kollektive Selbstbestimmung betrachtet. Insbesondere Staaten, die nach dem ersten Weltkrieg und später im Zuge der Entkolonialisierung entstanden sind, seien meistens Totgeburten: „Unsere Staatenwelt ist ein Kunstprodukt. Sie ist eine Kopfgeburt und als Kopfgeburt eine Totgeburt. Deshalb zerbröselt ein Staat nach dem anderen. Die Welt ist aus den Fugen- und merkt es nicht“ (S.18).

Der globale Staatenzerfall habe seine reale Ursache in einem „unsinnigen Konstruktionsprinzip“, denn Geografie und Demografie seien meist nicht deckungsgleich. Die Grenzen vieler Staaten- so Wolffsohn- seien das Ergebnis reiner Willkür, mit dem Lineal grobschlächtig gezogen im Rahmen der z.B. Entkolonialisierung oder wegen eigennütziger, selbstsüchtiger weltpolitischer Interessen, die zunächst kaum etwas mit der Bevölkerung vor Ort zu tun haben. Aus der deutsch-europäischen Geschichte nennt Wolffsohn drei klassische Beispiele die zu Konflikten und Kriegen geführt haben: Elsass-Lothringen, Deutschland /Österreich und das Sudetenland.
Das politische Denken orientiere sich am Völkerrecht und dieses wiederum gründe auf dem Nationalstaatsgedanken. Wolffsohn vertritt in seinem Band die These, dass der traditionelle Nationalstaat ausgedient habe und durch föderative Strukturen ersetzt oder zumindest ergänzt werden müsse: „Staaten sind wie Töpfe. Wenn Topf und Deckel nicht zueinander passen, sind sie mehr schlecht als recht zu gebrauchen. Welchen Deckel braucht welcher Topf? Politisch gefragt: Welchen staatlichen Rahmen, welchen staatlichen «Überbau« braucht diese oder jene Gesellschaft, braucht diese oder jene «Basis«? (…)

Das Zauberwort heißt: FÖDERALISMUS

(S.22). Die Zukunft der heute zerbröselnden Staaten lasse sich aus deren Demografie, Geografie und nicht zuletzt aus deren Vergangenheit ableiten: „Wenn sich die Vergangenheit in oder an der Gegenwart rächt, wird aus der Geschichte blutige Politik. Dann sind auf einmal die Toten quicklebendig“ (S.26). Erst nach der genauen historisch-demographischen Analyse der Situation eines Landes könne man eine jeweils passende Staatsform finden, die auch Minderheiten die Möglichkeiten zur eigenen Interessenvertretung lasse.

Nur wenn alle ethnisch-religiösen Gruppen ein selbstbestimmtes Leben in einem garantierten föderalisierten staatlichen Rahmen führen könnten, sei Frieden möglich. Nur im Föderalismus sei es möglich, jedem Volk und den unterschiedlichen Gruppen darin Selbstbestimmung zu gewähren. Das sei schließlich das Ziel für alle Menschen, egal ob aus ethnischen oder religiösen oder kulturellen Gründen.

Der entscheidende Punkt sei- so Wolffsohn in seiner Argumentation- die Gewährung von Selbstbestimmungsrechten für Minderheiten und nicht die Herrschaft einer Mehrheit über die anderen; ansonsten zerbrechen irgendwann die Staaten wie die aktuellen Kriege und Krisen zeigten z.B. in Afghanistan, Syrien, im Irak, in Afrika und an vielen anderen Orten auf der Welt. Fast überall auf der Welt seien -von der Frühgeschichte der Menschheit bis heute- Mischgesellschaften entstanden: „Manche vermischten sich bis zur Ununterscheidbarkeit, manche, die meisten, bewahrten, freiwillig oder nicht, ihre Unterscheidungsmerkmale. Nicht von diesen Fakten ist die gegenwärtige StaatenUNordnung geprägt, sondern von der Fiktion der Einheitlichkeit der jeweiligen Nation auf dem jeweiligen Gebiet“ (S.13).

Krisenregionen heute

Die fünf großen Krisenregionen der Gegenwart liegen für Wolffsohn auf dem Balkan, an Russlands Rändern, im Nahen und Mittleren Osten, in China und in seinen Nachbarstaaten und in Afrika. Aber auch in Europa könne es bald turbulent zugehen. Zum einen liege dies geopolitisch an der Ressourcenabhängigkeit, zum anderen gebe es auch in Europa starke Minderheitenkonflikte wie z.B. bei den sezessionistischen Bewegungen in Katalonien oder Schottland. Zum anderen liege auch ein starkes Krisenpotenzial vor allem bei den muslimischen Einwanderern, die irgendwann eine politische Repräsentation einfordern könnten; diese würden sich in keinster Weise so defensiv-assimilatorisch verhalten werden wie die Juden in den letzten Jahrhunderten.
Wolffsohn analysiert in seinem Band kenntnisreich und detailliert die Hintergründe und Probleme in den aktuellen fünf Krisenregionen der Welt, bietet konkrete Lösungsvorschläge an und liefert viele anregende und tiefgründige Denkanstöße, die sicher Anlass zu kontroversen Diskussionen sein werden.

So schlägt er z.B. vor, die Ukraine in eine Bundesrepublik umzuwandeln: im Osten das Bundesland Russisch-Ukraine einzurichten, im Westen Kiew-Ukraine und das Bundesland Krim. Sowohl der israelischen als auch der chinesischen Regierung werde es langfristig nicht gelingen, durch Druck, Macht, Gewalt oder Siedlungspolitik der einheimischen Bevölkerung den Selbstbestimmungswillen zu nehmen; dies führe friedenspolitisch in eine Sackgasse. So siedele die gegenwärtige Führung der Volksrepublik China massenweise Han-Chinesen in Tibet und im nordwestlichen Xinjiang an. Für die Lösung der Konflikte Chinas mit den Nachbarn schlägt Wolffsohn dagegen vor: „Nur eine Bundesrepublik Myanmar kann friedlich überleben sowie Öl und Gas sicher exportieren; nach China ebenso wie über Bangladesh (!) nach Indien“ (S.168). Die muslimische Rohingya-Volksgruppe sei eine der weltweit am meisten verfolgten Minderheiten und wolle keinen eigenen Staat, aber selbstbestimmte Anerkennung in einem föderalen System.

Für den Nahen Osten entwickelt Wolffsohn jenseits eines Zwei-Staaten-Modells ein personal-territoriales Mischsystem eines föderalen Selbstbestimmungsmodells vor, in dem „Juden Juden, Palästinenser Palästinenser und Israel weiter der Jüdische Staat oder Staat der Juden…sein und bleiben könnten“ (S.68). Für alle Beteiligten sei eine enge funktionale und staatenbündische Verzahnung von Gesamt-Palästina oder Teilen Palästinas mit Israel zu einem Staatenbund (Konföderation) «Israel-Palästina« sinnvoll und dauerhaft friedenstiftend.

Für Großbritannien, Frankreich, Belgien und auch für Spanien mutmaßt er eine Weiterentwicklung zum Bundesstaat oder zum Staatenbund.

Afghanistan – Debakel

Für die deutsche Sicherheits- und Außenpolitik fordert Wolffsohn eine „Denkpause“: „Nach dem Afghanistan-Debakel mit humanitärem Hallo nach Nahost, Afrika und Irgendwo zu ziehen, ist unverantwortlich. Wann fängt wer an, richtig zu denken und richtig zu handeln? Solange das nicht geschieht, ist der Weg zum Weltfrieden nicht einmal in Sicht“ (S.190). Humanitär zu intervenieren, um Menschenleben zu retten, sei grundsätzlich richtig: „Falsch wird es, wenn ohne militärische und politische Strategie interveniert wird. Humanitäre Motive dürfen zudem nicht durch machtpolitische und opportunistische Erwägungen relativiert werden. Das aber geschieht derzeit, und das ist zynischer Etikettenschwindel“ (S.188/189).
Michael Wolffsohn plädiert in seinem Band für ein radikales politisches Umdenken, weg vom traditionellen Staatenmodell, hin zu föderativen Systemen; er entfaltet seine zentrale These historisch-faktengesättigt, kenntnisreich und gegenwartsanalytisch; er argumentiert stringent und nachvollziehbar. Es ist ein kluges, mutiges und mutmachendes Buch, gut lesbar geschrieben gegen den politischen Mainstream; man wünscht ihm viele Leserinnen und Leser, vor allem auch bei den Strategen und Vor-Denkern in der Außen- und Sicherheitspolitik.

Klaus HeldKlaus Ludwig Helf (*1950) ist Sozialwissenschaftler und Journalist, Medientrainer und Moderator. Er lebt und arbeitet in Saarbrücken, zurzeit in der Studienförderung und als Dozent an der Fachhochschule.
Davor war er in folgenden Bereichen beschäftigt: politische und kulturelle Bildungsarbeit, Medien-und Kommunikationstraining, Medienkompetenz, Medien-und Filmdidaktik, cross-mediale journalistische Arbeiten, Medienpolitik, Bürgerkommunikation (freie Radios und Offene Kanäle)…Publikationen.

WIR, DIE und der Pressekodex

Es ist schwer zu sagen, wann es angefangen hat, sicher ist nur, dass es immer intensiver wird. Die Angst! Jedes Mal, wenn ich Negativnachrichten mitbekomme, warte ich gespannt darauf zu hören, wer die Täter sind: schon wieder DIE? DIE, das sind Alle, die nicht zum WIR gehören: Balkan-Banden, Bulgaren, Rumänen, Roma, Albaner, Serben, Islamisten, Muslime, Migranten, Ausländer… DIE, das sind alle die, die extra erwähnt werden, wenn vermutet wird, dass sie an einem Unglück oder derartigem schuldig sind.
Auch ich fühle mich gemeint, wenn von DENEN geredet wird. So lese ich manchmal einen Artikel mehrere Male, um sicher zu sein, diese Erwähnung nicht übersehen zu haben.IMG_7290
Vor etwa einem Jahr, als ein Mann seine Eltern in Saarbrücken mit der Axt erschlagen hat, habe ich lange gezittert. Doch der Mörder blieb undefiniert.
Neulich erschoss ein Mann bei vollem Praxisbetrieb eine Ärztin in Dudweiler. Schon wieder nix!
Aber als an einem frühen Märzmorgen 2015 jemand in der Lebacher Region 15 fahrende Autos angeschossen hat, war ich schon sicher, dass DIE es waren. Doch Fehlanzeige.

Dann kam der Absturz der German-Wings-Maschine: 150 Tote!
Aber auch hier wird sehr schnell gewiss, dass der Täter nicht einer von DENEN ist. Es wurde zwar für kurze Zeit nach seiner Religion gefragt, als könnte sie eine Erklärung für seine Tat liefern. War aber nichts.
Nun war ich vorübergehend erleichtert, dass DIE nicht für alles Übel verantwortlich sind. Dann fiel mir ein: Es wäre doch möglich, dass manche Täter doch DIE waren und unsere Zeitung verzichtet hat, dies hervorzuheben?
Beim Lesen der Kolumne des Chefredakteurs der Saarbrücker Zeitung, Peter Stefan Herbst, in der letzten März-Wochenendausgabe bekräftigte sich diese Vermutung für kurze Zeit. So schreibt er über den Umgang mit den Fotos und Informationen bei der German-Wings-Berichterstattung: „Wo Wissen über Identität und Aussehen nicht zur Aufklärung des Sachverhalts beiträgt, halten wir uns zurück… Wir orientieren uns dabei an den Richtlinien des Deutschen Presserates.“
Ich dachte: „Nanu, super!“IMG_8452

Doch nur ein paar Seiten weiter findet sich dann dieser Bericht: „Beamte der Sonderermittlungsgruppe ‚Gewalt‘ überwältigten den gebürtigen Franzosen und seinen Komplizen, einen 39 Jahre alten Bosnier…“. Insgesamt dreimal wird hier der „Bosnier“ erwähnt. (Fall 1)

Dabei empfiehlt der Pressekodex, die ethnische Zugehörigkeit bei Straftaten nur dann zu erwähnen, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.
In diesem Fall scheint mir das genauso unbegründet wie im Juni 2014, als in der Saarbrücker Zeitung diese Nachricht (Fall 2) abgedruckt wurde:
Rumänen schieben Auto über A 620
Völklingen.
Vier Rumänen haben gestern auf der A 620 bei Völklingen versucht, ihr liegengebliebenes Auto zur Ausfahrt zu schieben. Das teilte die Polizei mit. Das Auto war wohl wegen Spritmangels liegengeblieben, deshalb hätten die alkoholisierten Insassen zur Selbsthilfe gegriffen….“
Witzig, gell?
Doch damit war meine Enttäuschung an diesem Samstag (28.03.2015) nicht zu Ende: Die Leserbriefe widmen sich mehrheitlich dem Thema Griechenlands Schulden. Und da lese ich (Fall 3):
Trojanisches Pferd wiehert heute noch
Vor 2800 Jahren entstand bei den alten Griechen das Epos Ilias, das dem Dichter Homer zugeordnet wird. In diesem Werk wird der Krieg um Troja besungen. Zu dem bekannten „Trojanischen Pferd“ wusste Homer zu sagen: Fürchtet die Danaer (also Griechen), auch wenn sie Geschenke bringen. Homer ist heute nicht vergessen, man sollte sich auch an sein obiges Zitat erinnern. Wolfgang Mayer, Kleinblittersdorf.”
Dass ein Schlau-Mayer so einen Leserbrief schreibt, kann schon mal vorkommen. Aber dass eine Zeitung einen solchen Brief unkommentiert veröffentlicht, ist eine andere Dimension.
Mir ist nicht mehr nach Lesen, doch in letzter Sekunde fällt mein Auge noch auf diese Überschrift (Fall 4):
Akropolis adieu ist für mich die Lösung
Diese beiden linken griechischen Tavernenkellner, Finanzminister Varoufakis und sein Ministerpräsident Tsipras, die vor der EU betont die Coolen, Lässigen und Unpünktlichen (also Unerzogenen) geben und Hunderte Milliarden Schulden ihres Pleitestaates bei der EU (und vor allem bei Deutschland) nicht zahlen wollen, die aber jetzt sogar von „deutscher Wiedergutmachung für den Zweiten Weltkrieg“ plappern, sollten sich zurückhalten und die letzte Chance nutzen, Bescheidenheit, Dankbarkeit und Abbitte zu üben. Diese Platzpatronen werden sehr bald keine Schlipse mehr tragen, weil sie sich keine mehr leisten können. Akropolis, adieu. Micha Schneider, Saarbrücken”

IMG_8178Und diese Zeilen sollen der Deutschen Presseethik entsprechen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Und ich will die Antwort wissen! Deshalb habe ich beschlossen, den Presserat direkt zu fragen. Der sorgt dafür, dass der Pressekodex eingehalten wird. Der Pressekodex ist „das ethische Regelwerk für die journalistische Arbeit. Es enthält klare Spielregeln hinsichtlich einer verantwortungsvollen Berichterstattung und eines angemessenen journalistischen Verhaltens. Hierzu gehören vor allem die Regeln zur Achtung der Wahrheit, zur Sorgfaltspflicht bei der Recherche sowie zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte“, heißt es auf der Webseite des Deutschen Presserates.
Und weiter in der Präambel des Pressekodex: „Die Berufsethik räumt jedem das Recht ein, sich über die Presse zu beschweren. Beschwerden sind begründet, wenn die Berufsethik verletzt wird.“ Meiner Meinung nach liegen in vorher genannten Fällen folgende Verletzungen des Pressekodex vor:
Ziffer 1 – Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde (Fall 2, Fall 3, Fall 4)
Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.
Ziffer 2 – Sorgfalt (Fall 3, Fall 4)
Richtlinie 2.6 – Leserbriefe
(1) Bei der Veröffentlichung von Leserbriefen sind die Publizistischen Grundsätze zu beachten.
Ziffer 9 – Schutz der Ehre (Fall 2, Fall 3, Fall 4)
Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.
Ziffer 12 – Diskriminierungen (Fall 1, Fall 2, Fall 3, Fall 4)
Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.
Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten (Fall 1, Fall 2)
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.
Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

IMG_7834Gerade heute, wenn überall der Verfall der Presseethik beklagt wird und in großen Teilen der Welt nur noch mit Waffen gesprochen wird, haben WIR ALLE die Aufgabe, auf die Wortwahl zu achten. Vorurteile zu stärken, Menschen zu erniedrigen und zu beleidigen, gehört sich nicht. Und solche Texte, auch wenn sie noch so klein sind und „harmlos“ erscheinen, gehören nicht veröffentlicht zwischen den Texten der gewissenhaften Journalisten. Weg damit!

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