Die unpolitischen “Germanen”

Historisch-kritische Anmerkungen zum Dokumentarfilm von Lion Bischof

Über Konservatismus in unserer Zeit wollte er etwas machen, erzählte Lion Bischof, der Regisseur des Dokumentarfilms „Germania“, der beim diesjährigen Filmfestival „Max Ophüls Preis“ im Wettbewerb gezeigt wurde. Corps Germania München sollte nur eine Facette davon sein, aber da sich sonst keine studentische Verbindung bereit erklärt hatte mitzumachen, ist eben „nur“ „Germania“ gedreht worden. Über diesen Film wurde hier bereits im Artikel „Coming of Age mit Waffen-SS“ geschrieben. Zahlreiche Reaktionen darauf, sowohl positive wie auch negative, wie die des Journalisten Christoph Schreiner in der „Saarbrücker Zeitung“ erforderten umfangreichere und tiefgreifende Recherchen zu diesem Thema. Corps Germania München ist eine schlagende, farbentragende studentische Verbindung. Was ist das? Um das zu begreifen, reicht ein schneller Blick auf deren Webpräsenz nicht aus, sondern bedarf es eines Ausflugs in die Geschichte.

Die studentischen Verbindungen entstehen schon bald nach der Gründung der ersten Universitäten im deutschen Sprachraum (1386 Heidelberg, danach Köln, Erfurt, Leipzig…). Die studierenden Burschen, es waren ja alle Männer, leisteten sich gerne Prügeleien, tödliche Duelle, ausschweifende Trink- und Sexgelage. Da sie zur gesellschaftlichen Elite gehörten, wurde diese Burschenfreiheit toleriert, jedoch entstand eine unabhängige akademische Gerichtsbarkeit. Der Begriff der Ehre fand Einzug unter den Burschen, die Strafen, wie etwa die Arrestzelle (Karzer) bis hin zum Ausschluss vom Studium (Relegation) wurden angewandt. Die studentischen Verbindungen schufen sich Zeremonien und Rituale, zogen Uniformen an und nannten sich Burschenschaften, Landsmannschaften, Corps.

Das Kaiserreich

Bald spiegeln sich unter ihnen die Widersprüche der deutschen Nationalbewegung: Die Forderungen nach einem Einheitsstaat auf der Grundlage der bürgerlichen Demokratie, auf der anderen Seite Hass auf die Werte der Französischen Revolution, Antisemitismus und der Traum von der Wiederherstellung des 1806 untergegangenen „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“. Mit der Gründung des Kaiserreichs 1871 und der fortdauernden Dominanz der alten Eliten aus den Reihen der Großgrundbesitzer und Schwerindustriellen werden die Universitäten zunehmend zu einer Kaderschmiede für den deutschen Obrigkeitsstaat. Die Vielfalt der Verbindungen allerdings, von Burschenschaften über Landsmannschaften bis hin zu Corps drückt lediglich die soziale Differenz innerhalb der Studentenschaft aus: Corps rekrutieren sich vorwiegend aus adeligen und großbürgerlichen Kreisen, während die Burschenschaften eher das aufstrebende Kleinbürgertum und die Mittelschicht repräsentieren. Politisch sind sie jedoch kaum zu unterscheiden.

Fast alle sind sich in der zunehmenden Feindschaft gegen die Arbeiterbewegung und die jüdische Minderheit einig. Die Verbindungsstudenten sind radikale Anhänger einer deutschen Weltmachtpolitik und träumen von der Vereinigung aller Deutschen in einem Großdeutschland. Deshalb wird die Niederlage des Deutschen Kaiserreichs 1918 im Ersten Weltkrieg als politische und menschliche Katastrophe wahrgenommen. Und die Republik von Weimar als ein Produkt der verhassten Sozialisten und Juden.

Die Republik von Weimar

Der Versuch der Republik, die Universitäten zu demokratisieren und sie auch für untere Schichten zu öffnen, wird erbittert bekämpft. Durch das Verbot der Mensur (blutiges Fechtritual) fühlen sich alle schlagenden Verbindungen an den deutschen Universitäten aufs äußerste provoziert und erklären der Republik den politischen Krieg. 1919 schließen sie sich im Deutschen Waffenring zusammen. Dieser umfasst Hunderte von Burschenschaften und fast alle im Weinheimer (Corps Germania München gehört dazu) und Kösener Konvent organisierten Corps. Der Waffenring vereinigt sich mit anderen rechtsradikalen Organisationen an den deutschen Universitäten zum Deutschen Hochschulring. Dieser mächtige Blok gewinnt die Wahlen zu den neueingerichteten studentischen Selbstverwaltungsorganen und bildet einen wichtigen und schlagkräftigen Bestandteil der radikalen antisemitischen und antidemokratischen Bewegung gegen die Republik von Weimar.

Ideologisch und organisatorisch wird der seit dem Kaiserreich bestehende Antisemitismus weiter verschärft. Der Kampf gegen die „Judenrepublik“ in den eigenen Reihen bedeutet die Einführung des sogenannten Arierparagrafen, der die Mitgliedschaft von Juden in allen Mitgliedsorganisationen des Deutschen Hochschulrings untersagt. Mit der Stabilisierung der Republik ab 1924 beruhigt sich der rechtsradikale Furor an den Universitäten keineswegs.

Die NS-Zeit und Folgen

Der 1926 gegründete NS-Studentenverbund verfügt bereits 1931 über einen starken Anhang an den deutschen Unis. Mit Hilfe seiner Bündnispartner aus den Corps und Burschenschaften erreicht der rechtsradikale Block bereits 1932 Ergebnisse zwischen 55 und 80 Prozent bei den Wahlen zu den Studentenparlamenten. Gegen jüdische Studenten und die wenigen Anhänger der Demokratie wird an den Unis ein wachsender Terror entfesselt. Burschenschafter, Korporierte und NS-Schläger sorgen dafür, dass missliebige Professoren durch Hetzkampagnen und Gewalt nicht mehr an den Universitäten unterrichten können. So wird der republikanische und humanistische Geist an den Unis bereits vor 1933 ausgetrieben. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten wird von den schlagenden Verbindungen begeistert begrüßt. Nun wird mit staatlicher Unterstützung die brutale Säuberung der Unis von allen Gegnern des neuen Regimes durchgesetzt. Hierbei gibt es keine politischen Differenzen zwischen NS-Studenten und Verbindungen. Die Konflikte entstehen erst dadurch, dass das nationalsozialistische System keinerlei andere Organisationen, selbst wenn sie NS-loyal sind, in der deutschen Gesellschaft dulden will. Daraus entsteht eine bis heute gerne erzählte Legende, dass sich die Verbindungen wegen ihres Widerstands auflösen mussten.

Nach dem totalen politischen und moralischen Bankrott des deutschen Nationalismus nach 1945, dauerte es etliche Jahre, bis in Westdeutschland und Österreich die Verbindungen ihre Wiederzulassung an den Universitäten durchgesetzt haben. Das erfolgte gegen erheblichen Widerstand der demokratischen Öffentlichkeit, die nicht vergessen hatte, welche verheerende Rolle die Studentenbünde bei der Errichtung der NS Terrorherrschaft 1933 gespielt hatten. Noch im Oktober 1949 stellte die westdeutsche Rektorenkonferenz fest:

„Im Bilde der kommenden studentischen Gemeinschaften wird kein Platz mehr sein für die Veranstaltung von Mensuren, die Behauptung und Herausstellung eines besonderen studentischen Ehrbegriffs, die Abhaltung geistloser und lärmender Massengelage, die Ausübung einer unfreiheitlichen Vereinsdisziplin und das öffentliche Tragen von Farben.“

Das unpolitische Dasein

Ein Dokumentarfilm, der diese Geschichte außer Acht lässt und seine Interviewpartner damit nicht konfrontiert, könnte auch als Werbefilm verstanden werden, nicht nur für das Corps Germania München, sondern für schlagende Verbindungen überhaupt. Wenn auch unbeabsichtigt, passt er gut zu der Anwerbestrategie, die diese Verbindungen in eigener Regie betreiben: preiswerter Wohnraum in exklusiven Villen in allerbesten Lagen in den teuersten deutschen Städten. Deren Webseiten preisen ihre Offenheit für alle Menschen, unabhängig von der Herkunft, Religion, Hautfarbe… Na ja, abgesehen von Geschlecht natürlich. Und von sexuellen Freiheiten ist auch keine Rede. So verirrt sich, wie im Film zu sehen, auch mal ein Brasilianer zu den Germanen, ein Student, der dringend eine Wohnung braucht und später gerne die Verbindung(en) für die eigene Karriere nutzen möchte. Ob er allerdings die Eignungskriterien und Prüfungen, die ihn für das Bund des Lebens qualifizieren letztendlich besteht oder überhaupt durchhalten kann, wissen wir nicht.

Und überhaupt erfahren die Zuschauer durch diesen Film inhaltlich nicht viel mehr über die studentischen schlagenden Verbindungen, als was sie selbst im Internet preisgeben. Dort wird zum Beispiel behauptet, die Corps seien unpolitisch. Der Journalist Schreiner und der Regisseur Bischof beschreiben das so: „Corps seien nicht mit Burschenschaften gleichzusetzen. Während erstere per se unpolitisch (wenngleich konservativ bis nationalistisch) seien, propagierten die Burschenschaften offen politisch chauvinistische Ziele.“

Als sei es unpolitisch, nationalistisch zu sein und nach Leibesübungen die letzte Liegestütze dem Vaterland zu widmen und „Heil Deutschland!“ zu brüllen. Oder präzise (und dazu noch solch reaktionäre) Wert- und Ordnungsvorstellungen für die Gesellschaft, Universität, Geschlechterverhältnisse zu haben?

„Viele werfen vorschnell alles in einen Topf“, so Bischof in der „Saarbrücker Zeitung“.

Stimmt, diese Begriffe bringen Menschen ganz schön durcheinander. Selbst im Festivalkatalog im ersten Satz zu diesem Film heißt es: „Für die Mitglieder der Corps Germania ist die Burschenschaft eine Schule des Lebens.“

Gutes Beispiel dafür, dass Corps und Burschenschaft tatsächlich schwer voneinander zu trennen und kaum zu unterscheiden sind. Sonst hätte der Journalist Schreiner auch nicht behauptet, es gebe einen Hamburger Germania Corps, den es gar nicht gibt. „Folglich habe das im Film zuletzt auftauchende Hamburger Germania Corps auch nichts mit dem vom Staatsschutz observierten hanseatischen Burschenschaft zu tun“, heißt es in der „Saarbrücker Zeitung“.

Tatsächlich zeigt der Film nicht eindeutig, bei wem die „Germanen“ aus München während ihres Ausflugs in Hamburg übernachten. Er lässt uns aber diesem „unpolitischen“ Dialog der zweier Münchner “Germanen” lauschen:

„Du warst bei den Sierich-Germanen? (Anm.d. Red.: Sierichstr. 23 ist Sitz der verfassungsfeindlicher Hamburger Germania)

„Richtig.“

„Du hast dir ein bisschen Rechtsradikalität integriert, ha?

„Ne, ich habe denen gezeigt wie es geht.“

„Und waren da auch solche Leute? Ich habe gehört, dass dort solche Frauen mit Zöpfchen rumgehen, Arier-Frauen?“

„Nein, aber mit denen hätte ich mich auch sicher gut verstanden“.

Dieser letzter Satz wird in englischem Untertitel so beschrieben: „No, but they would have liked it at the Nazi „League of German Girls“. [Nein, aber es hätte ihnen beim Bund Deutscher Mädel (weiblicher Teil der Hitlerjugend) gut gefallen].

Und offensichtlich sind die als rechtsextrem eingestufte Burschenschaft Germania Hamburg und das Corps Germania München nicht dasselbe, obwohl nicht nur ihre Facebook-Profilbilder zum Verwechseln ähnlich sind. Aber selbst wenn sie nicht an die Waffen-SS denken, wenn sie das Treuelied singen, ist es wirklich angebracht sie „auf Augenhöhe“ zu sehen, wie der Bischof das gerne hätte?

Die Verlockung, die schlagenden Studenten aus der Nähe filmen zu dürfen war groß. Monatelang hat Lion Bischof mit den „Germanen“ zusammengearbeitet. Zu manchen Mitgliedern ist ein enges Verhältnis entstanden. Hunderte Stunden Arbeit hat er investiert, ihnen Abnahmerecht eingeräumt – logisch, dass seine ganze Herangehensweise beim Zusammenschneiden des Films davon geprägt war. Und so hat er einen Film geschaffen, der dem Germanen-Geschmack entspricht: eine blödelnde Truppe, die komische Rituale befolgt, viel trinkt und mit ihrem geheimnisumwobenen Bund fürs Leben und konservativen männlichen Idealen die jungen Männer neugierig macht.

Dass die Festivalleitung den Film ganz anders gesehen hat, als die meisten Zuschauer und Moderatoren und Reporter des „Saarländischen Rundfunks“ ist überraschend. Zu dem Film heißt es:

“Es ist ein großes Verdienst der Filmemacher, uns drastisch vor Augen zu führen, wie stark nationalsozialistisches Gedankengut in einem Studentencorps wie der Germania heute noch immer verwurzelt ist. Ihnen das zum Vorwurf machen zu wollen, ist vollkommen absurd. Wir halten es für essenziell, neorechte Tendenzen nicht zu verharmlosen, indem verschwiegen wird, was in diesen Gruppierungen so vor sich geht, sondern ganz explizit darauf hinzuweisen und Menschen aufzurütteln. Die extra für den Film konzipierte und komponierte Filmmusik (und selbstverständlich NICHT die im Film vorkommenden Lieder) gelingt das hier durch ihren bedrohlichen Unterton künstlerisch absolut eindrucksvoll. Aus diesem Grund begrüßen wir die Entscheidung der Jury ausdrücklich, weil sie mit der Zuerkennung des Preises an den Film unser Bemühen zur Bewusstmachung der Tatsache, wie stark rechtsnationale Haltungen unsere Gesellschaft unterwandern, unterstützt.”

Diese Botschaft ist leider den meisten Zuschauern verborgen geblieben. Was sehr schade ist, weil die schlagenden Herren gerade dabei sind über die AfD die politische Bühne zu besetzen. Ihr rechtspopulistisches Pendant in Österreich, die FPÖ, ist schon ein Teil der Regierungskoalition, somit stehen 21 Burschenschafter an der politischen Spitze des Landes und stellen sogar den Vizekanzler, Heinz Christian Strache.

Er, der selbst Burschenschafter bei Vandalia-Wien ist und nicht wie von der „Saarbrücker Zeitung“ behauptet Vizepräsident der Germanen, geriet kürzlich wegen volksverhetzender Lieder der „Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt“ in Erklärungsnot.

Die studentischen Verbindungen arbeiten länderübergreifend. Ein Mitglied des Münchner Corps Germania, der ehemalige Linzer Vizebürgermeister Franz Obermayr sitzt schon seit 2009 im Europaparlament als FPÖ-Abgeordneter und präsentiert stolz seine schlagenden Verbindungen: Seine Werte. Ihre Werte. Ehre und Vaterland. Die, wie die Geschichte mehrfach gezeigt hat, keine geeignete Grundlage für eine humanistische und demokratische Haltung sind.

Coming of Age mit Waffen-SS

„Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu, dass immer noch auf Erden für euch ein Fähnlein sei…“, mit diesen Worten besangen Angehörige der Waffen-SS ihre bedingungslose Treue gegenüber Führer und Vaterland. Gegründet von Hitler im Jahr 1925 in München als seine persönliche Schutzstaffel wurde die SS in den nächsten 20 Jahren zum Inbegriff des Bösen, ein Instrument des von Deutschland geführten Weltkrieges und des Völkermords an den europäischen Juden. Zur gleichen Zeit 1925/26 arbeitete der damals 23-jährige Max Ophüls, selbst jüdischer Abstammung am traditionsreichen Burgtheater in Wien. Nur ein Jahr später verlor er dort seine Anstellung und setzte das Künstlerleben in Deutschland fort. Mit seinem Masterwerk der Verfilmung von „Liebelei“ landete er 1933 einen großen Erfolg als Filmregisseur.

„Kaum dass der Film abgedreht war, ging der Reichstag in Flammen auf.  Am Lietzensee erreichten Max Ophüls mehrere dringliche Telefonate…: „Jetzt ist der Zeitpunkt, um wegzugehen, Maxl. Ihr müsst unbedingt aufbrechen.“, lautete der Rat seiner Freunde. So erinnert sich sein Sohn, der Dokumentarfilmer Marcel Ophüls in seinem Buch „Meines Vaters Sohn“ (Calman-Lévy, 2014). Als die Familie Deutschland verließ, war er fünf Jahre alt.

Januar des Jahres 2018. Ein Nazi-Liederbuch bringt in Österreich Spitzenpolitiker der Regierungspartei FPÖ in Bedrängnis. In dem Liederbuch der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt wird u.a. der Holocaust gefeiert und die Notwendigkeit der Vernichtung einer weiteren Million jüdischer Menschen besungen. Die Burschenschaft Germania stellt sich stolz in die Tradition ihrer Väter, die keine Juden in ihren Reihen duldeten und begeistert von Hitlers Großdeutschem Reich waren. Viele ihre Mitglieder ersetzten nach 1933 schnell die Uniform ihrer Burschenschaft durch die Ledermäntel der Gestapo und die schwarze Uniform der SS. Dass es den deutschen und österreichischen Demokraten und Antifaschisten nach 1945 nicht gelungen ist, dem Treiben dieser antisemitischen, homophoben und frauenfeindlichen Verbände ein politisches Ende zu setzen, ist bitter. Fast ungehindert setzten sie ihre Aktivitäten fort. Es gehört heute zu ihrer Rekrutierungsstrategie, an den deutschen und österreichischen Universitäten ihren Beitrag zur Naziherrschaft  zu verharmlosen.

Die Burschenschaft Germania war die einzige, die eine positive Antwort auf seine Anfrage gegeben hat, behauptet der junge Regisseur Lion Bischof von der Hochschule für Fernsehen und Film München. So  filmte er das Treiben der schlagenden Verbindung Germania in München und machte daraus einen 77 Minuten langen Filmstreifen. Da die Burschenschaft letztendlich entschied, welches Filmmaterial freigegeben wurde, handelt es sich also um ihre Selbstdarstellung. Wichtig erschien ihnen u.a. die Darstellung eines Betriebsausflugs zu den Kameraden der Hamburger Germania. Diese wird vom Hamburger Verfassungsschutz seit 2014 als rechtsextrem und verfassungsfeindlich eingestuft.

„GERMANIA folgt einer Gruppe von jungen Burschenschaftlern in München zwischen strenger Etikette und derben Witzen, Trinkspielen und der ersten Mensur. Ein Coming-of-Age-Film über die Frage, was es heißt, heute ein Mann zu sein.“, heißt es in dem Katalog des Filmfestivals „Max-Ophüls-Preis“ dazu.

In Saarbrücken, der Geburtsstadt Max Ophüls, findet alljährlich ein Festival des jungen deutschsprachigen Films statt. Und in diesem Jahr, bei der 39. Festivalausgabe wurde in der Kategorie Dokumentarfilm eben dieser „Germania“ uraufgeführt und insgesamt vier Mal gezeigt. Dem Zuschauer wird, neben anderen Ritualen der Burschenschaft auch das anfangs zitierte, Treuelied der Waffen-SS vorgespielt. Ohne Hinweis, Kommentar oder Erläuterung. Da das rechtsradikale Denken dahinter nicht entlarvt wird, geht der Zuschauer ahnungslos aus dem Kinosaal. Abgesehen natürlich von den gleichgesinnten Kameraden, die auch in Saarbrücken aktiv sind und die den Sinn dieses Rituals verstehen. Die Saarbrücker „Germania“ wurde 1951 gegründet, zum Kampf gegen undeutsche Umtriebe an der saarländischen Universität. Sie versammeln sich bis heute unter dem Motto „Deutsch ist die Saar“, den Anfangszeilen der Hymne der saarländischen Nationalsozialisten.

Regisseur Lion Bischof selbst gibt auf Anfrage an, dass er kein Anspruch hatte, die ganze Wahrheit über „Germania“ zu zeigen. Die dreiköpfige Jury  fand die Musik in diesem Film so passend, dass sie ihn mit dem Max-Ophüls-Preis für die beste Musik in einem Dokumentarfilm auszeichneten.

Begründung der Jury: Die Musik beginnt mit einer leisen Dissonanz, die im Laufe des Films nach und nach eingelöst wird: Zischende, geräuschhafte Klänge aus angedeuteten Blechblasinstrumenten, die ein unbehagliches Gefühl auslösen. Eine Filmmusik, die statt einer bloßen Gefühlsbestätigung die Rolle eines Regiekommentars übernimmt und dem Zuschauer dennoch einen Interpretationsraum lässt. Die Musik greift die Thematik des Films auf und übersetzt sie originär in eine in sich geschlossene, konsequente, reduzierte Klangwelt.

Klarsfeld vs. Röchling

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Beate Klarsfeld in Saarbrücken

„Hm… Wie viele Schilder sind es denn?“, wollte Beate Klarsfeld wissen, nachdem sie um einen Rat, wie sich die Menschen gegen die Röchlings-Namensschilder-Plage im Saarland wehren könnten, gebeten wurde.

Unkonventionelle Methoden bei den Problemlösungen sind für Beate Klarsfeld nichts Neues. International bekannt wurde sie 1968, nachdem sie auf dem Bundesparteitag der CDU den Vorstandstisch stürmte und den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger mit den Rufen „Nazi! Nazi!“ ohrfeigte.  Kiesinger war seit 1933 NSDAP-Mitglied und aktiver Mitgestalter der NS-Zeit. Dies blieb nicht die einzige mutige Tat in ihrem Engagement bei der Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechern. Zusammen mit ihrem Ehemann Serge entlarvte sie die Nazis Kurt Lischka, Alois Brunner, Klaus Barbie, Ernst Ehlers, Kurt Asche und andere, die bis dahin unbehelligt weiter leben konnten. Dafür scheute sie nicht davor zurück, gegen die geltenden Gesetze zu verstoßen.

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Der Andrang in der Politischen Akademie der Stiftung Demokartie Saarland (SDS) war groß

So begab sie sich 1991 auf der Suche nach Eichmann-Stellvertreter Alois Brunner, dem die Ermordung von 130.000 Juden in deutschen Konzentrationslagern angelastet wird, nach Damaskus mit gefälschtem Reisepass. Mehrfalls im Leben wurde sie verhaftet. Im Jahr 2012 war sie Kandidatin für die Partei Die Linke für das Amt der deutschen Bundespräsidentin. Sie unterlag Joachim Gauck, dem gemeinsamen Kandidaten der SPD, CDU/CSU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen.

Aimg_9556m 19. September 2016 war Beate Klarsfeld zu Gast bei der Politischen Akademie der Stiftung Demokratie Saarland (SDS) und brach alle Besucherrekorde. Ihre „Erinnerungen“ waren am Bücherstand schnell verkauft. Eine andere Publikation, die sie zusammen mit dem Marpinger Autor Eberhard Wagner 2013 herausgegeben hat,  ist allerdings in der Politischen Akademie der SDS immer noch kostenlos erhältlich. Das Buch heißt:  „Du hast mich nicht vergessen, hoffe ich! – Liebesbriefe aus dem Wartesaal zum Tod“.  Es handelt sich um die  Briefe von Charlotte Minna Rosenthal, die sie von Januar bis August 1942 aus den Internierungslagern Gurs und Brens in Frankreich an ihren Geliebten Rudolph Lewandowski geschrieben hat.

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