Die Röchlings und die ZwangsarbeiterInnen

Vor heute genau 76 Jahren, am Montag den 23. März 1942, erreichte ein Güterzug die saarländische Stadt Völklingen. Seit drei Jahren tobte der von Deutschland entfesselte Krieg und hatte bereits unzählige Menschenleben gefordert. Aus allen von Deutschland besetzten Ländern wurden Millionen Menschen nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt.

Der Zug, der an diesem Montag kommt, bringt russische Gefangene. Fortan werden sie die Schilder OST tragen. Um ihnen die Röchling’sche Disziplin beizubringen richtet der damals 70-jährige Hermann Röchling im Frühjahr 1943 ein Schnellgericht und betriebseigenes Straflager ein. Rund 12.300 Menschen versklavte er, geschätzte 250 kamen ums Leben. Carlo Barbieri starb im Alter von 27, Jean Kerwalczik aus Polen wurde 25, Kristo Petrovic aus Albanien starb mit 18,  genauso wie Nina Kolos aus der Ukraine und Anna Julobewa. Wo Anna geboren wurde, ist nicht mal bekannt. Über Olga Nowak wissen wir auch nichts. Außer, dass sie mit 20 starb. Wladimir Romanow wurde nur 12 Jahre alt… Dann die vielen Babys, die bei schwersten Lebensbedingungen keine Chance hatten. „Von Mißhandlungen durch das Wachpersonal (Schlagen mit der Reitpeitsche, Loslassen der Schäferhunde) und Vergewaltigungen weiblicher Gefangener“ wurde berichtet.

1949 wurde Herman Röchling für seine Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt. Seit Ende der 1970er Jahre gehört die Hütte dem Saarland. 1994 wurde sie zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Weder die Familie Röchling noch irgendeine Landesregierung hielt es für notwendig, die Geschichte der Hütte kritisch aufzuarbeiten und an die Arbeiter, verfolgten Gewerkschaftler, Antifaschisten und die Zwangsarbeiter zu erinnern. Die Hütte ist zu einem Event-Ort geworden, der mit glanzvollen Ausstellungen der Inka, Buddha und Ägyptischen Kultur oder Popfestivals und Ähnlichem um die Besucher wirbt. Man schreckte sogar nicht davor zurück, Schädel von ermordeten Namibiern, die in einer „rassenkundlichen“ Sammlung aufbewahrt wurden, einem neugierigen Publikum ohne jeden Kommentar als künstlerisch wertvolle Artefakte zu präsentieren. Diese Ausstellung wurde vom Saarland, Saar-Sporttoto und der Röchling Stiftung gefördert. Die saarländische Landesregierung fand es angemessen, im Jahr 2016 den Bundespräsidenten Gauck mit einem internationalen Diplomatenchor vor dieser Kulisse zu empfangen.

Meinrad Maria Grewenig, Ritter des Ordens des Heiligen Grabes zu Jerusalem, ist seit 1999 Direktor des Weltkulturerbes und erfolgreich dabei, die Hütte in ein Denkmal der Familiengeschichte der Röchlings zu verwandeln. 2012 wehrte er sich gegen die Umbenennung des Völklinger Stadtteils Hermann-Röchling-Höhe in Bouser Höhe mit der öffentlich verkündeten Lüge, dass dies den Weltkulturerbe-Status gefährden könnte.

„Röchling’sche Eisen- und Stahlwerke 1941 – 1944/ Zwangsarbeit für den deutschen Endsieg/Tausende müssen unter Zwang für die deutsche Rüstung arbeiten/Unterernährt – Misshandelt – Arbeitsunfall – Krank/Hunderte verlieren ihr Leben“ qualifizierte Grewenig als „unangemessen und historisch falsch“.

2014 widersetzte er sich der Verlegung einer Stolperschwelle am Eingang des Weltkulturerbes, die an das Schicksal der ZwangsarbeiterInnen erinnert. Die Inschrift „Röchling’sche Eisen- und Stahlwerke 1941 – 1944/ Zwangsarbeit für den deutschen Endsieg/Tausende müssen unter Zwang für die deutsche Rüstung arbeiten/Unterernährt – Misshandelt – Arbeitsunfall – Krank/Hunderte verlieren ihr Leben“ qualifizierte er als „unangemessen und historisch falsch“.

Grewenig wurde 2011 für seine Verdienste von Karl Rauber, dem Kultusminister der bereits zu Ende gehenden Landesregierung von Peter Müller, der Ehrentitel Professor verliehen.  Die Bezahlung Grewenigs ist allerdings wesentlich höher als die eines ordentlichen Professors der Universität des Saarlandes. Sein Salär entspricht dem des saarländischen Ministerpräsidenten. (2014 waren es 13.571 € im Monat plus Dienstwagen plus 75,5 % Pensionsregelung) Der Landesrechnungshof  kritisierte dies im Jahr 2014, aber diese Rüge hatte fast keine Konsequenzen. Die saarländische Landespolitik kam zu dem Schluss, dass hier nichts zu machen ist und die Pensionierung des Professors im Jahr 2019 abzuwarten sei. 

Die “ZwangsarbeiterInnen-Ecke” in der Völklinger Hütte

Letzte Woche wurde die Öffentlichkeit durch die Saarbrücker Zeitung und den Saarländischen Rundfunk über eine radikale Kehrtwende des Direktors und den hinter ihm stehenden Röchlings informiert. Grewenig ließ mitteilen, dass er nun selbst die Verwirklichung eines Mahnmals für die ZwangsarbeiterInnen in seiner Hände genommen habe. Er wolle ein Mahnmal durch einen – natürlich weltberühmten – Konzeptkünstler errichten lassen. Dafür habe er sogar den Röchling-Clan gewinnen können. Der Künstler habe bereits einen Sonderpreis im sechsstelligen Bereich eingeräumt. Und die Röchlings sind bereit unter ihren 200 Gesellschaftern dafür Spenden zu sammeln.

Darüber, wer der Künstler ist, nach welchem politischen und künstlerischen Konzept das Mahnmal gebaut werden soll, wie die saarländische Öffentlichkeit, die Gewerkschaften und die Bürgerinitiativen in dieses künstlerische Konzept einbezogen werden, findet sich in Grewenigs Einlassungen nichts. Der hochbezahlte Angestellte der saarländischen Landesregierung macht sich selbst zum Herrn des Verfahrens und degradiert die politischen und dienstrechtlichen Kontrollorgane zu Statisten. Bisher hat die von dem Meiser-Skandal gebeutelte große Koalition auf jeden öffentlichen Kommentar hierzu verzichtet. Auch die Opposition schweigt.

Fotowand mit ZwangsarbeiterInnen

Das Mahnmal sieht Grewenig als „ästhetischen Leuchtturm, der auf einem wissenschaftlichen Fundament ruht.“ Weiter heißt es in der Saarbrücker Zeitung von 13.03.2018: „Es markiere den Start eines noch umfassenderen Zwangsarbeiter-Forschungsprojektes, für das Grewenig rund zehn Jahre ansetzt… man beabsichtige wirklich allen der rund 12 300 Zwangsarbeiter ein Gesicht und eine Biografie zu geben – und einen weiteren Ort in der Hütte.“

Klingt eher nach einem Arbeitsvertragsverlängerungswunsch. Die Frage, was die Röchlings und ihren Statthalter Grewenig dazu gebracht hat ihre jahrzehntelange Verweigerung und Blokadehaltung aufzugeben, bleibt nach wie vor unbeantwortet.

Waren es zuletzt die Veröffentlichungen in der Wochenzeitung „Der Freitag“, die ein viel beachtetes Interview mit Bernd Rausch, dem Autor  des Buchs „100 Jahre Röchling Ausbeutung, Raub, Kriegsverbrechen“ publiziert haben oder die vollständige Veröffentlichung des Buches in der Vierteljahreszeitschrift “BIG Business Crime”? Oder gab es Rückmeldungen von den Künstlern, vor allem aus der Urban-Art-Szene, die sich weigern, an einem Ort, der auf dieser Art mit seiner Geschichte umgeht, auszustellen? Oder hat etwa die Queen Elisabeth vermeldet, dass sie über die Idee an einem Ort ausgestellt zu werden, an dem die Kriegsverbrecher geehrt werden, ‚not amused‘ ist?

Wie auch immer: es ist ein zivilisatorischer Fortschritt in Sicht. Allerdings könnten Röchlings, wenn sie den Willen hätten, in kürzester Zeit nicht nur die Forderung nach dem Mahnmal, sondern alle bisher formulierten Forderungen der Bürgerinitiativen erfüllen. Diese wären, neben der Aufarbeitung der Geschichte und dem würdigen Gedenken an die ZwangsarbeiterInnen, auch eine mehr als symbolische materielle Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen, bzw. ihrer Familien. Ein Zeichen des guten Willens von Seiten des Röchling-Clans wäre auch eine Überweisung an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ der deutschen Industrie, was sie bisher bekanntlich abgelehnt haben. Des Weiteren sollte eine Dauerausstellung der saarländischen Industriegeschichte, in der auch die sozialen Kämpfe des Proletariats dokumentiert sind, errichtet werden. Hermann Röchling sollte als Ehrenbürger der Stadt Völklingen gestrichen werden, genauso wie der Name Röchling aus dem Namen des Ortsteils, der in Bouser Höhe umbenannt werden sollte.

Es ist nun die Aufgabe der Landesregierung und des von ihr kontrollierten Aufsichtsrates, dafür zu sorgen, dass bei der Gestaltung des Mahnmals und der Umgestaltung des Hüttengeländes demokratische Mindeststandards eingehalten werden. Die Fortsetzung der alten Ignoranz gegenüber jeder öffentlichen Debatte zeigt sich allerdings darin, dass an eine Beteiligung der Bürgerinitiativen in Völklingen und Saarbrücken noch nicht einmal gedacht wurde. Die Umgestaltung jedes saarländischen Dorfbplatzes erfährt mehr öffentliche Beteiligung als die Errichtung eines Mahnmals für die Zwangsarbeiter des zentralen Ortes der saarländischen Industriegeschichte und Weltkulturerbes der Menschheit. Die Gestaltung des Mahnmals sollte einer ordentlichen Ausschreibung unterzogen und die bisher engagierten Bürger in angemessener Form an der Gestaltung des Andenkens beteiligt werden. Keinesfalls kann das Mahnmal in einer Halle versteckt, sondern muss gut sichtbar an welchem auch immer Haupteingang zum Weltkulturerbe errichtet werden. Ob ein würdiges Gedenken gelingen wird, hängt natürlich auch von der Person des neuen Direktors der Hütte ab. An dieser Entscheidung wird sich auch der neue Ministerpräsident messen lassen müssen.

“Der Hauptmann” Herold in der Camera Zwo

Regisseur Robert Schwentke

„War das wirklich so schlimm?“, fragte nach der deutschen Premiere des Films „Der Hauptmann“ (2017), des Regisseurs Robert Schwentke, bei der Eröffnung des Filmfestivals „Max-Ophüls-Preis“ in Saarbrücken eine der Zuschauerinnen.

„Ja und sogar viel schlimmer“, bestätigte Schwentke.

Tatsächlich ereignete sich in der Woche vom 12-19. April 1945 im norddeutschen Strafgefangenenlager Aschendorfermoor ein Massaker. Angeführt von einem 19-jährigen Wehrmachtssoldaten, der sich in der Uniform eines Fallschirmjäger-Hauptmanns als Bevollmächtigter Hitlers präsentierte (gespielt von Max Hubacher) und das Standgericht vollzog. In einer Mordorgie starben 172 Gefangenen, meist, durch Zwangsarbeit, Misshandlungen und schlechte Verpflegung bereits geschwächte politische Gefangene und ehemalige Wehrmachtssoldaten.

Doch es ist nicht nur dieses Ereignis, welches es dem Zuschauer schwer macht den Film durchzuhalten. Es sind viele andere Entgrenzungen, mit denen Schwanke die Stimmung der Endphase des Krieges nachzuzeichnen sucht. Es ist die Atmosphäre in der ein jeder Bauer sich das Recht nimmt, die Menschen wegen eines gestohlenen Eies mit der Spatengabel durchzubohren. In der auch die Ehefrau des Lagerführers Spaß daran hat, auf die ums Leben wegkriechenden Häftlinge mit der Pistole zu schießen. Es sind die ausgelassenen Vergnügungsorgien mit ‚normalen‘ Frauen, es ist die omnipräsente Lust andere zu quälen, sie zu erniedrigen, auszulöschen. Sich einer Uniform unterzuordnen.

Bei der Eröffnung des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2018 feierte “Der Hauptmann” seine Deutschlandpremiere

Der Film macht die Hässlichkeit des Krieges in seiner entfesselten Form so spürbar, dass der Zuschauer schon vor seiner ersten Hälfte wünscht, er möge endlich aufhören! Doch, so wie in der Realität, geht der Krieg weiter und selbst nach der endgültigen Niederlage bleibt in einigen Köpfen der Glaube an die Richtigkeit der Kriegsziele bestehen. Dass sich manche Menschen in unserem Alltag von der im Film auftretenden „Schnellgericht-Herold-Truppe“ auf der Straße bereitwillig kontrollieren lassen, wie im Abspann des Filmes gezeigt wird, macht allzu deutlich, dass ein totalitäres Regime jederzeit denkbar ist.

Eindrucksvolle schwarz-weiß Bilder (Kamera Florian Ballhaus), ausgezeichnete Schauspieler und Komparsen (u.A. Frederick Lau, Milan Peschel, Alexander Fehling): „Der Hauptmann“ ist, auch wenn ihm das eine oder andere Szene mehr schadet als nutzt (z.B. die allzuzahlreichen Tötungsszenen, der abschließende Gang über die Skelette, die Farbszene des Lagers heute) ein sehenswerter Antikriegsfilm. Dass die Max Ophüls Filmfestivalleitung ausgerechnet so einen Film als Eröffnungsfilm gewählt hat ist mutig, wenngleich seine Härte einige Zuschauer-innen veranlasst hat, den Saal vorzeitig zu verlassen. Solange der Krieg nur im Kinosaal tobt, ist das noch einfach möglich. Ab heute ist der Film in den deutschen Kinos, in Saarbrücken in der Camera Zwo zu sehen.

Die unpolitischen “Germanen”

Historisch-kritische Anmerkungen zum Dokumentarfilm von Lion Bischof

Über Konservatismus in unserer Zeit wollte er etwas machen, erzählte Lion Bischof, der Regisseur des Dokumentarfilms „Germania“, der beim diesjährigen Filmfestival „Max Ophüls Preis“ im Wettbewerb gezeigt wurde. Corps Germania München sollte nur eine Facette davon sein, aber da sich sonst keine studentische Verbindung bereit erklärt hatte mitzumachen, ist eben „nur“ „Germania“ gedreht worden. Über diesen Film wurde hier bereits im Artikel „Coming of Age mit Waffen-SS“ geschrieben. Zahlreiche Reaktionen darauf, sowohl positive wie auch negative, wie die des Journalisten Christoph Schreiner in der „Saarbrücker Zeitung“ erforderten umfangreichere und tiefgreifende Recherchen zu diesem Thema. Corps Germania München ist eine schlagende, farbentragende studentische Verbindung. Was ist das? Um das zu begreifen, reicht ein schneller Blick auf deren Webpräsenz nicht aus, sondern bedarf es eines Ausflugs in die Geschichte.

Die studentischen Verbindungen entstehen schon bald nach der Gründung der ersten Universitäten im deutschen Sprachraum (1386 Heidelberg, danach Köln, Erfurt, Leipzig…). Die studierenden Burschen, es waren ja alle Männer, leisteten sich gerne Prügeleien, tödliche Duelle, ausschweifende Trink- und Sexgelage. Da sie zur gesellschaftlichen Elite gehörten, wurde diese Burschenfreiheit toleriert, jedoch entstand eine unabhängige akademische Gerichtsbarkeit. Der Begriff der Ehre fand Einzug unter den Burschen, die Strafen, wie etwa die Arrestzelle (Karzer) bis hin zum Ausschluss vom Studium (Relegation) wurden angewandt. Die studentischen Verbindungen schufen sich Zeremonien und Rituale, zogen Uniformen an und nannten sich Burschenschaften, Landsmannschaften, Corps.

Das Kaiserreich

Bald spiegeln sich unter ihnen die Widersprüche der deutschen Nationalbewegung: Die Forderungen nach einem Einheitsstaat auf der Grundlage der bürgerlichen Demokratie, auf der anderen Seite Hass auf die Werte der Französischen Revolution, Antisemitismus und der Traum von der Wiederherstellung des 1806 untergegangenen „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“. Mit der Gründung des Kaiserreichs 1871 und der fortdauernden Dominanz der alten Eliten aus den Reihen der Großgrundbesitzer und Schwerindustriellen werden die Universitäten zunehmend zu einer Kaderschmiede für den deutschen Obrigkeitsstaat. Die Vielfalt der Verbindungen allerdings, von Burschenschaften über Landsmannschaften bis hin zu Corps drückt lediglich die soziale Differenz innerhalb der Studentenschaft aus: Corps rekrutieren sich vorwiegend aus adeligen und großbürgerlichen Kreisen, während die Burschenschaften eher das aufstrebende Kleinbürgertum und die Mittelschicht repräsentieren. Politisch sind sie jedoch kaum zu unterscheiden.

Fast alle sind sich in der zunehmenden Feindschaft gegen die Arbeiterbewegung und die jüdische Minderheit einig. Die Verbindungsstudenten sind radikale Anhänger einer deutschen Weltmachtpolitik und träumen von der Vereinigung aller Deutschen in einem Großdeutschland. Deshalb wird die Niederlage des Deutschen Kaiserreichs 1918 im Ersten Weltkrieg als politische und menschliche Katastrophe wahrgenommen. Und die Republik von Weimar als ein Produkt der verhassten Sozialisten und Juden.

Die Republik von Weimar

Der Versuch der Republik, die Universitäten zu demokratisieren und sie auch für untere Schichten zu öffnen, wird erbittert bekämpft. Durch das Verbot der Mensur (blutiges Fechtritual) fühlen sich alle schlagenden Verbindungen an den deutschen Universitäten aufs äußerste provoziert und erklären der Republik den politischen Krieg. 1919 schließen sie sich im Deutschen Waffenring zusammen. Dieser umfasst Hunderte von Burschenschaften und fast alle im Weinheimer (Corps Germania München gehört dazu) und Kösener Konvent organisierten Corps. Der Waffenring vereinigt sich mit anderen rechtsradikalen Organisationen an den deutschen Universitäten zum Deutschen Hochschulring. Dieser mächtige Blok gewinnt die Wahlen zu den neueingerichteten studentischen Selbstverwaltungsorganen und bildet einen wichtigen und schlagkräftigen Bestandteil der radikalen antisemitischen und antidemokratischen Bewegung gegen die Republik von Weimar.

Ideologisch und organisatorisch wird der seit dem Kaiserreich bestehende Antisemitismus weiter verschärft. Der Kampf gegen die „Judenrepublik“ in den eigenen Reihen bedeutet die Einführung des sogenannten Arierparagrafen, der die Mitgliedschaft von Juden in allen Mitgliedsorganisationen des Deutschen Hochschulrings untersagt. Mit der Stabilisierung der Republik ab 1924 beruhigt sich der rechtsradikale Furor an den Universitäten keineswegs.

Die NS-Zeit und Folgen

Der 1926 gegründete NS-Studentenverbund verfügt bereits 1931 über einen starken Anhang an den deutschen Unis. Mit Hilfe seiner Bündnispartner aus den Corps und Burschenschaften erreicht der rechtsradikale Block bereits 1932 Ergebnisse zwischen 55 und 80 Prozent bei den Wahlen zu den Studentenparlamenten. Gegen jüdische Studenten und die wenigen Anhänger der Demokratie wird an den Unis ein wachsender Terror entfesselt. Burschenschafter, Korporierte und NS-Schläger sorgen dafür, dass missliebige Professoren durch Hetzkampagnen und Gewalt nicht mehr an den Universitäten unterrichten können. So wird der republikanische und humanistische Geist an den Unis bereits vor 1933 ausgetrieben. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten wird von den schlagenden Verbindungen begeistert begrüßt. Nun wird mit staatlicher Unterstützung die brutale Säuberung der Unis von allen Gegnern des neuen Regimes durchgesetzt. Hierbei gibt es keine politischen Differenzen zwischen NS-Studenten und Verbindungen. Die Konflikte entstehen erst dadurch, dass das nationalsozialistische System keinerlei andere Organisationen, selbst wenn sie NS-loyal sind, in der deutschen Gesellschaft dulden will. Daraus entsteht eine bis heute gerne erzählte Legende, dass sich die Verbindungen wegen ihres Widerstands auflösen mussten.

Nach dem totalen politischen und moralischen Bankrott des deutschen Nationalismus nach 1945, dauerte es etliche Jahre, bis in Westdeutschland und Österreich die Verbindungen ihre Wiederzulassung an den Universitäten durchgesetzt haben. Das erfolgte gegen erheblichen Widerstand der demokratischen Öffentlichkeit, die nicht vergessen hatte, welche verheerende Rolle die Studentenbünde bei der Errichtung der NS Terrorherrschaft 1933 gespielt hatten. Noch im Oktober 1949 stellte die westdeutsche Rektorenkonferenz fest:

„Im Bilde der kommenden studentischen Gemeinschaften wird kein Platz mehr sein für die Veranstaltung von Mensuren, die Behauptung und Herausstellung eines besonderen studentischen Ehrbegriffs, die Abhaltung geistloser und lärmender Massengelage, die Ausübung einer unfreiheitlichen Vereinsdisziplin und das öffentliche Tragen von Farben.“

Das unpolitische Dasein

Ein Dokumentarfilm, der diese Geschichte außer Acht lässt und seine Interviewpartner damit nicht konfrontiert, könnte auch als Werbefilm verstanden werden, nicht nur für das Corps Germania München, sondern für schlagende Verbindungen überhaupt. Wenn auch unbeabsichtigt, passt er gut zu der Anwerbestrategie, die diese Verbindungen in eigener Regie betreiben: preiswerter Wohnraum in exklusiven Villen in allerbesten Lagen in den teuersten deutschen Städten. Deren Webseiten preisen ihre Offenheit für alle Menschen, unabhängig von der Herkunft, Religion, Hautfarbe… Na ja, abgesehen von Geschlecht natürlich. Und von sexuellen Freiheiten ist auch keine Rede. So verirrt sich, wie im Film zu sehen, auch mal ein Brasilianer zu den Germanen, ein Student, der dringend eine Wohnung braucht und später gerne die Verbindung(en) für die eigene Karriere nutzen möchte. Ob er allerdings die Eignungskriterien und Prüfungen, die ihn für das Bund des Lebens qualifizieren letztendlich besteht oder überhaupt durchhalten kann, wissen wir nicht.

Und überhaupt erfahren die Zuschauer durch diesen Film inhaltlich nicht viel mehr über die studentischen schlagenden Verbindungen, als was sie selbst im Internet preisgeben. Dort wird zum Beispiel behauptet, die Corps seien unpolitisch. Der Journalist Schreiner und der Regisseur Bischof beschreiben das so: „Corps seien nicht mit Burschenschaften gleichzusetzen. Während erstere per se unpolitisch (wenngleich konservativ bis nationalistisch) seien, propagierten die Burschenschaften offen politisch chauvinistische Ziele.“

Als sei es unpolitisch, nationalistisch zu sein und nach Leibesübungen die letzte Liegestütze dem Vaterland zu widmen und „Heil Deutschland!“ zu brüllen. Oder präzise (und dazu noch solch reaktionäre) Wert- und Ordnungsvorstellungen für die Gesellschaft, Universität, Geschlechterverhältnisse zu haben?

„Viele werfen vorschnell alles in einen Topf“, so Bischof in der „Saarbrücker Zeitung“.

Stimmt, diese Begriffe bringen Menschen ganz schön durcheinander. Selbst im Festivalkatalog im ersten Satz zu diesem Film heißt es: „Für die Mitglieder der Corps Germania ist die Burschenschaft eine Schule des Lebens.“

Gutes Beispiel dafür, dass Corps und Burschenschaft tatsächlich schwer voneinander zu trennen und kaum zu unterscheiden sind. Sonst hätte der Journalist Schreiner auch nicht behauptet, es gebe einen Hamburger Germania Corps, den es gar nicht gibt. „Folglich habe das im Film zuletzt auftauchende Hamburger Germania Corps auch nichts mit dem vom Staatsschutz observierten hanseatischen Burschenschaft zu tun“, heißt es in der „Saarbrücker Zeitung“.

Tatsächlich zeigt der Film nicht eindeutig, bei wem die „Germanen“ aus München während ihres Ausflugs in Hamburg übernachten. Er lässt uns aber diesem „unpolitischen“ Dialog der zweier Münchner “Germanen” lauschen:

„Du warst bei den Sierich-Germanen? (Anm.d. Red.: Sierichstr. 23 ist Sitz der verfassungsfeindlicher Hamburger Germania)

„Richtig.“

„Du hast dir ein bisschen Rechtsradikalität integriert, ha?

„Ne, ich habe denen gezeigt wie es geht.“

„Und waren da auch solche Leute? Ich habe gehört, dass dort solche Frauen mit Zöpfchen rumgehen, Arier-Frauen?“

„Nein, aber mit denen hätte ich mich auch sicher gut verstanden“.

Dieser letzter Satz wird in englischem Untertitel so beschrieben: „No, but they would have liked it at the Nazi „League of German Girls“. [Nein, aber es hätte ihnen beim Bund Deutscher Mädel (weiblicher Teil der Hitlerjugend) gut gefallen].

Und offensichtlich sind die als rechtsextrem eingestufte Burschenschaft Germania Hamburg und das Corps Germania München nicht dasselbe, obwohl nicht nur ihre Facebook-Profilbilder zum Verwechseln ähnlich sind. Aber selbst wenn sie nicht an die Waffen-SS denken, wenn sie das Treuelied singen, ist es wirklich angebracht sie „auf Augenhöhe“ zu sehen, wie der Bischof das gerne hätte?

Die Verlockung, die schlagenden Studenten aus der Nähe filmen zu dürfen war groß. Monatelang hat Lion Bischof mit den „Germanen“ zusammengearbeitet. Zu manchen Mitgliedern ist ein enges Verhältnis entstanden. Hunderte Stunden Arbeit hat er investiert, ihnen Abnahmerecht eingeräumt – logisch, dass seine ganze Herangehensweise beim Zusammenschneiden des Films davon geprägt war. Und so hat er einen Film geschaffen, der dem Germanen-Geschmack entspricht: eine blödelnde Truppe, die komische Rituale befolgt, viel trinkt und mit ihrem geheimnisumwobenen Bund fürs Leben und konservativen männlichen Idealen die jungen Männer neugierig macht.

Dass die Festivalleitung den Film ganz anders gesehen hat, als die meisten Zuschauer und Moderatoren und Reporter des „Saarländischen Rundfunks“ ist überraschend. Zu dem Film heißt es:

“Es ist ein großes Verdienst der Filmemacher, uns drastisch vor Augen zu führen, wie stark nationalsozialistisches Gedankengut in einem Studentencorps wie der Germania heute noch immer verwurzelt ist. Ihnen das zum Vorwurf machen zu wollen, ist vollkommen absurd. Wir halten es für essenziell, neorechte Tendenzen nicht zu verharmlosen, indem verschwiegen wird, was in diesen Gruppierungen so vor sich geht, sondern ganz explizit darauf hinzuweisen und Menschen aufzurütteln. Die extra für den Film konzipierte und komponierte Filmmusik (und selbstverständlich NICHT die im Film vorkommenden Lieder) gelingt das hier durch ihren bedrohlichen Unterton künstlerisch absolut eindrucksvoll. Aus diesem Grund begrüßen wir die Entscheidung der Jury ausdrücklich, weil sie mit der Zuerkennung des Preises an den Film unser Bemühen zur Bewusstmachung der Tatsache, wie stark rechtsnationale Haltungen unsere Gesellschaft unterwandern, unterstützt.”

Diese Botschaft ist leider den meisten Zuschauern verborgen geblieben. Was sehr schade ist, weil die schlagenden Herren gerade dabei sind über die AfD die politische Bühne zu besetzen. Ihr rechtspopulistisches Pendant in Österreich, die FPÖ, ist schon ein Teil der Regierungskoalition, somit stehen 21 Burschenschafter an der politischen Spitze des Landes und stellen sogar den Vizekanzler, Heinz Christian Strache.

Er, der selbst Burschenschafter bei Vandalia-Wien ist und nicht wie von der „Saarbrücker Zeitung“ behauptet Vizepräsident der Germanen, geriet kürzlich wegen volksverhetzender Lieder der „Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt“ in Erklärungsnot.

Die studentischen Verbindungen arbeiten länderübergreifend. Ein Mitglied des Münchner Corps Germania, der ehemalige Linzer Vizebürgermeister Franz Obermayr sitzt schon seit 2009 im Europaparlament als FPÖ-Abgeordneter und präsentiert stolz seine schlagenden Verbindungen: Seine Werte. Ihre Werte. Ehre und Vaterland. Die, wie die Geschichte mehrfach gezeigt hat, keine geeignete Grundlage für eine humanistische und demokratische Haltung sind.

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