Dr. Mohsen und das Gasthaus Bingert

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Zur szenischen Lesung “Ein Hauch Vergangenheit” am 17.10.2014 kamen viele ins Kino 8 1/2

“Ich komme ursprünglich aus Teheran, aber das ist lange her”, erzählt der Mann hinter der Theke in einer Kneipe, die im Laufe der Zeit für ihn ein Stück Heimat wurde: “Das Bingert war für mich ein Platz mit Menschen, die mir auf den ersten Blick offen gegenübertraten und mir ein wenig Wärme boten, sodass meine Einsamkeit leichter zu ertragen war”, erfährt der Buchleser über den Autor selbst.

IMG_9968 (2)Und wie ging es im Gasthaus “Bingert” so in den frühen achtziger und neunziger Jahre zu, in einem Gasthaus, das als Kollektiv gegründet und 20 Jahren lang auch so geführt wurde? Welche Gepflogenheiten galten und welche Themen bewegten seine Besucher? Viele Ideen, die die Welt verändern sollten und auch einige total verrückten, wie etwa die Bemühungen der Männer ihren Beitrag zur Schwangerschaftsverhütung zu leisten, indem sie ihre Spermien in warmen Wasser abzutöten versuchten. Diese Zeit beschreibt der damalige Mann hinter der Theke Dr. Mohsen Ramazani -Mogghaddam in seinem Buch “Ein Hauch Vergangenheit”.

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Dr. Mohsen Ramazani Moggaddeh und der Illustrator Stefan “Ede” Grenner

Zur szenischen Lesung mit Bob Ziegenbalg und Nicolas Bertholet kamen am 17. Oktober 2014 viele ins Kino 8 1/2, und nach der Signierstunde gingen die meisten selbstverständlich auch ins Bingert, das bis heute noch so aussieht wie damals. Einzig die Musikbox, die heute im AWO-Antiquariat stehen soll, fehlt. Doch Piafs “Rien de rien” klingt bis heute in vielen Köpfen nach.

Das Buch “Ein Hauch Vergangenheit” kann im Buchladen im Viertel gekauft werden. Am 07. Dezember gibt es eine weitere Lesung im Kino 8 1/2, 20 Uhr. Reservierung empfohlen! (Tel. 0681 390 8880). Das Buch und die Veranstaltungen werden unterstützt von der Heinrich Böll Stiftung Saar.

Landesaufnahmestelle oder Lager?

IMG_9752Wie sieht die Bilanz der saarländischen Asyl- und Flüchtlingspolitik aus? Das wollten der Verein „Ramesch“ und seine Partner, der Integrationsbeirat Saarbrücken und der Saarländischer Flüchtlingsrat, herausfinden und versammelten mit Unterstützung der Stiftung Demokratie in ihrem Haus in Saarbrücken sehr viele Akteure, die sich in irgendeiner Weise damit beschäftigen.

Es gibt viele Menschen, die aus verschiedenen Gründen in ihren Ländern verfolgt werden und sich deshalb entscheiden, ein Asyl zu suchen. Bis September schafften es in diesem Jahr 1.611 Menschen, einen Asylantrag im Saarland zu stellen. Und während die Not der Menschen, auch angesichts der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen und des kommenden Winters, einen sicheren Zufluchtsort zu finden immer größer wird, lassen es unsere Landesregierung und ihre Ministerien langsam angehen.

IMG_9754„Ich halte es für absolut schändlich, dass seit einem Jahr die Unterbringung der Flüchtlinge auch in den Kommunen stattfindet und die Landesverwaltung es noch nicht geschafft hat, die Zahl der Integrationslotsen von 5 zu erhöhen“, bemängelte Guido Freidinger, Leiter des Saarbrücker Sozialamtes. „Und während in den Schulen sich Lehrer und Leiter alleine und zum Teil auch ehrenamtlich um die neuangekommenen Schüler kümmern, hat unser Bildungsministerium noch nicht mitbekommen, dass es da etwas zu tun gibt.“

Adoula Dado, die Vorsitzende des Ezidischen Vereins im Saarland bat eindringlich darum, nicht zu vergessen, dass auch hier über das Überleben der Menschen entschieden wird:
“Es sind Menschen, die glücklich wären dem Tod zu entgehen und Ihnen ist erstmal egal wo und wie sie untergebracht werden, auch wenn sie zu zehnt in einem Raum schlafen müssten.“

Die Situation ist aber so, dass es unmöglich ist, wie Rechtsanwalt Peter Norbert betonte, auf legalem Wege nach Deutschland zu kommen und Asyl zu suchen. Vieles wird unternommen, um das Kommen zu erschweren. Selbst für die Kriegsflüchtlinge, für die der Staat sich selbst bereit erklärt sie zu empfangen. So hatte sich zum Beispiel das Saarland selbst bereit erklärt, 62 zusätzliche Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, wenn ihre, hier lebenden Verwandten für sie die Krankenversicherung bezahlen. Nur 7 konnten diese Bedingung erfüllen. Jetzt wird diese Bedingung aufgehoben.IMG_9708
Diejenigen, die es trotz aller Hindernisse bis hierher schaffen, sind meistens junge Menschen, die stark motiviert sind sich für ihre Zukunft hier zu engagieren. Viele sind schon sehr gut qualifiziert und brauchen nur gute Deutschkurse. Um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kümmert sich beispielhaft das Jugendamt. Dank persönlichem Engagement von Uschi Biedenkopf und Mirko Engel lässt man hier keine wertvolle Zeit verstreichen, um diesen jungen Menschen eine gute Bildung zu ermöglichen.

Karin Schmitz-Meßner, Leiterin der Staatshoheitsangelegenheitenabteilung des saarländischen Innenministeriums

Karin Schmitz-Meßner, Leiterin der Abteilung für Staatshoheitsangelegenheiten des saarländischen Innenministeriums

Diese nötige Flexibilität zeigt die Landesverwaltung leider nicht. Sie verweist auf die mangelnde finanzielle Unterstützung des Bundes für die Kommunen und wartet auf die Ausschreibung eines EU-Projekts, um die Finanzierung von 3 weiteren Integrationslotsen zu beantragen. Auf Initiative der Innenministerin Monika Bachmann wurde im Juli eine Arbeitsgruppe „Unterbringung und Integration“ gegründet, die jetzt im Oktober einen Handlungsleitfaden noch beraten und vorschlagen soll.
Was die für das Ausländerrecht zuständige Abteilungsleiterin im Innenministerium, Karin Schmitz –Meßner, aber in Rage bringt, ist, wenn die Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge „Lager Lebach“ genannt wird. Wegen schlechter Assoziationen. Dass aber, wie einige Teilnehmer bemerkten, die Landesregierung und ihre Verwaltung zu wenig tun um dortige Lebensbedingungen anders aussehen zu lassen und zum Beispiel wenigstens die Lebensmittelpakete-Versorgung abschaffen, brauchen sie sich auch nicht über diesen allgemein verbreiteten Begriff aufzuregen.

In Fachkreisen wird diese Einrichtung, in der einige Flüchtlingsfamilien länger als zehn Jahren leben müssen, sogar LAST Lager (LandesAufnahmeSTelle) genannt.

Flüchtlingsunterkünte in Lebach

Flüchtlingsunterkünte in Lebach

 

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